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Region | Montag, 10.12.2018

Smart: neue Technologien für Stadt und Land

Die Digitalisierung unserer Städte und Regionen schreitet voran. Können durch smarte Vernetzung Disparitäten und Konflikte zwischen Stadt und Land aufgelöst werden? Dieser Frage geht ein Beitrag aus dem aktuellen trendletter nach.

©iStock-LDProd

Von Prognos-Experte Sven Altenburg

Der Begriff Smart City wurde um die Jahrtausendwende geprägt. Im Kern beschreibt er Ansätze, die klassischen Abläufe in einer Stadt mithilfe der Vernetzung von Daten und digitaler Technologie zu optimieren. Im Zuge der Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche hat die Diskussion um den Begriff in den letzten Jahren erneut an Dynamik gewonnen – er wird mittlerweile auf größere Gebietseinheiten wie Regionen oder Staaten gemünzt.

Zahlreiche Städte haben sich ihre digitale Transformation auf die Fahnen geschrieben, der Einsatz smarter Technologien beschränkt sich bislang jedoch zumeist auf einzelne Handlungsbereiche: auf das Energiemanagement etwa oder auf die Verkehrssteuerung und digitale Verwaltungsabläufe. Eine Vernetzung der einzelnen Bereiche zu einem reagiblen Gesamtsystem findet bislang kaum statt, obwohl nicht nur die notwendigen Sensoren, sondern auch Server und Plattformen zur Datenverwaltung und -auswertung längst am Markt verfügbar sind. Der Weg in die Smart City scheitert insofern weniger an fehlenden technischen Lösungen denn am politischen Willen zur Umsetzung.

In der Smart-City-Charta von 2017 (BBSR und BMUB) werden die Ziele formuliert, die bei der Digitalisierung von Siedlungen verfolgt werden sollten. Im Wesentlichen sollen Abläufe optimiert, Ressourcen geschont, Infrastrukturen resilienter und politische Prozesse inklusiver und transparenter gestaltet werden. Es handelt sich also um traditionelle Leitbilder einer nachhaltigen Stadtentwicklung, die nun mithilfe neuer technologischer Möglichkeiten verfolgt werden soll. Ausgewählte Beispiele zeigen die Potenziale:

  • Ein sensorgesteuertes Parkraum-Management in Echtzeit verringert den Verkehr durch Parksuchverkehr und mindert so Emissionen und Staus.
  • Der öffentliche Nahverkehr kann anhand von Echtzeitdaten so optimiert werden, dass er sich nach den tatsächlichen Bedarfen der Bürger richtet.
  • Intelligente Ampelsysteme verbessern den Verkehrsfluss.
  • Sensoren in Abfallbehältern ermöglichen bedarfsgerechte Touren der Entsorgungsbetriebe.
  • Beleuchtung, die auf die Anwesenheit von Fahrzeugen oder Menschen reagiert, spart Energie
  • Webportale informieren Bürger individuell über Unterstützungsleistungen, die ihnen zustehen.
  • Telemedizinische Anwendungen oder die digitale Erfassung von ansteckenden Krankheiten können die medizinische Versorgung spürbar verbessern.

Die Beispiele zeigen die vielfältigen Möglichkeiten wie digitale Technologien in den verschiedensten Bereichen einen Beitrag zu einer lebenswerteren Stadt leisten können. Das gilt besonders dann, wenn vormals isolierte Bereiche (z. B. Energie und Verkehr) miteinander vernetzt und optimal gesteuert werden (etwa durch variables Laden von E-Fahrzeugen je nach Netzbelastung).

Lösen Smart Citys das Stadt-Land-Gefälle auf oder verstärken sie es sogar?

Die geschilderten Ansätze bieten erhebliches Potenzial, um das Leben in den Städten effizienter zu machen. Sind die Kernstädte also die alleinigen Profiteure der Digitalisierung? Verstärken Smart Citys damit unweigerlich den bereits beobachtbaren Urbanisierungstrend? Nicht unbedingt! Auch ländlichere Regionen können von der Digitalisierung tiefgreifend profitieren. Smarte Verkehrssysteme können Pendler bei ihrem täglichen Arbeitsweg vom Umland in die Stadt entlasten und ein ökologischeres Verkehrsverhalten anstoßen. In diesem Fall profitieren Stadt und Land: Die Bevölkerung im Umland kann dank optimierter Pendelverbindungen ihrem Wohnort treu bleiben, während in der Stadt der Wohnungsmarkt und das Verkehrssystem entlastet werden.

Smarte Angebote können in ländlicheren Regionen auch Teile der Daseinsvorsorge aufwerten und das Umland dadurch unabhängiger von der Kernstadt machen. Wer im Homeoffice arbeitet oder einen Coworking-Space nahe seinem Wohnort nutzt, muss nicht mehr jeden Tag in die Stadt pendeln, um zu arbeiten. Kranke oder auch ältere Menschen profitieren von der Telemedizin oder von smarten Systemen – sogenannten Ambient-Assisted-Living-Lösungen –, die sie im Alltag in der eigenen Wohnung unterstützen. Darüber hinaus können der Online-Handel oder die intelligente Verbindung von Einzelhandel und öffentlichem wie privatem Verkehr helfen, Menschen außerhalb der Städte adäquat zu versorgen. So entfallen Wege in die Stadt und die urbane Infrastruktur wird entlastet.

Zudem verringert es die Notwendigkeit, sich bevorzugt in der Nähe physischer Infrastrukturen (Arbeitsplätze, Krankenhäuser etc.) anzusiedeln. Smart-City-Ansätze nutzen also längst nicht nur der Kernstadt, sondern werten auch das Umland auf, wenn sie in größerem Kontext als Smart Region gedacht werden.

Zentrale Voraussetzung ist und bleibt allerdings eine flächendeckende Verfügbarkeit leistungsfähiger Internetverbindungen. Naturgemäß verfügen Städte über bessere Möglichkeiten zur Digitalisierung als das Umland (Finanzen, Expertise, Infrastruktur). Die vorherigen Ausführungen haben aber gezeigt, dass Städte durchaus ein Interesse daran haben sollten, ihr Umland diesbezüglich zu unterstützen.

Was ist zu tun?

Klar ist: Ohne die strukturellen Voraussetzungen geht es nicht. Doch eine Kommune ist mehr als nur „Einkäufer“ ihrer digitalen Infrastruktur. Und Smart City ist mehr als nur eine Investition in eine neue Technologie. Smart City ist ein politischer und gesellschaftlicher Prozess, der die Kommunen vor neue Aufgaben stellt. Das heißt: Die Kommunen müssen auch alle Beteiligten ihrer Region intensiv einbinden und auf ein gemeinsames Leitbild einschwören. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass dies gelingt, wenn darüber hinaus die Zuständigkeiten klar definiert sind: Eine übergeordnete Stabstelle oder ein Chief Digital Officer (CDO), der die Transformation begleitet, helfen, eine ganzheitliche Vision voranzutreiben und die Fachressorts in der Verwaltung zu koordinieren.

Aber nicht nur die Vertreter aus Politik und Wirtschaft, auch die Bürger müssen in den Prozess eingebunden werden. Nur so kann die Idee der Smart City mit Leben gefüllt werden. Kernstädte und ihr Umland müssen dabei ein gemeinsames Leitbild entwickeln und sich auf die finanzielle und technische Unterstützung durch Bund und Länder verlassen können. Dann können aus Einzelprojekten nicht nur „echte“ Smart Citys entstehen, sondern es wird der Weg geebnet, um auch die umliegenden Regionen und letztlich das ganze Land „smart“ zu machen.

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