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Gastkommentar | Freitag, 21.12.2018

Fürchtet euch nicht

Vier Befürchtungen, die Sie ab 2019 getrost anderen überlassen können. Ein Beitrag von Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff für das Handelsblatt.

© Prognos AG/Annette Koroll FOTOS

Ob Euro-, Klima- oder Flüchtlingskrise, ob Renten-, Bildungs-, Wirtschafts-, oder Wohnraumkrise – Krisen sind scheinbar überall. Zeit für ein Tässchen Baldriantee? Nein. Grund sich mit nüchternem Blick die langfristigen Folgen der aktuellen Ereignisse anzusehen. Drehen wir die Krisengeräusche also für einen Moment leiser und schauen auf die Erkenntnisse aus der Zukunfts- und Wirtschaftsforschung. Hier sind vier Befürchtungen, die Sie ab 2019 getrost anderen überlassen können:

Befürchtung Nr. 1: Die deutsche Wirtschaft schrumpft.

Deutschlands Wirtschaft wächst. Verglichen mit den vergangenen 20 Jahren bleibt das Tempo bis 2045 fast unverändert. Die Kurve flacht am Ende des Prognosezeitraums lediglich ab. Das hat zwei Gründe: den demografischen Wandel und die Produktivität.

Bis 2025 sinkt die Zahl der 20- bis 64-Jährigen, also derjenigen, die beruflich tätig sind, im Vergleich zu 2016 um fast 2 Millionen. In 25 Jahren werden es 7 Millionen weniger sein, das sind 14 Prozent. Gleichzeitig steigt aber die Produktivität. Weniger Menschen produzieren mehr. Ein Erwerbstätiger wird rund 100.000 Euro erwirtschaften – gut zwei Drittel mehr als heute. Das Wirtschaftswachstum wird bis dahin bei rund 1,3 Prozent pro Jahr liegen.

Befürchtung Nr. 2: Der Handelskonflikt mit den USA stürzt uns ins Unglück.

Wir haben durchgerechnet, welche Folgen ein größerer Handelsstreit mit den USA haben könnte. Das Ergebnis: Die Folgen für die deutsche Wirtschaft wären heftig, bedeuten aber kein dauerhaftes Unglück. Natürlich verpasst der Konflikt der exportorientierten deutschen Wirtschaft einen Dämpfer, sogar einen erheblichen. Schließlich sind die USA ihr größter Absatzmarkt außerhalb Europas.

Vor allem die Auto- und die Metallindustrie könnte es empfindlich treffen. Ein schwächerer Außenhandel wiederum hinterlässt seine Spuren beim Wirtschaftswachstum. Daher wäre es zweifelsohne das Beste, wenn es erst gar nicht soweit käme. Gesamtwirtschaftlich und auf lange Sicht betrachtet, ist jedoch auch Beruhigendes zu erkennen. Denn in dem von uns modellierten Szenario würde das Wachstum verhältnismäßig wenig gebremst, konkret um 0,5 Prozent. Unter anderem deshalb, weil Unternehmen ihre Absatzmärkte verlagern. Handelskonflikte bremsen die Globalisierung, stoppen sie aber nicht.

Befürchtung Nr. 3: Die Ausgaben für den Klimaschutz brechen uns das Genick.

Es ist sonnenklar: Eine Energie- und Klimastrategie, die ihre Ziele erreicht, wird spürbar und tiefgreifend unser Wirtschaften verändern. Angst ist hier jedoch der falsche Ratgeber. Stattdessen hilft eine nüchterne Betrachtung: Es handelt sich um einen Strukturwandel, von dem einige wenige Branchen negativ betroffen sind. Für diese müssen Lösungen gefunden werden, die es auszuhandeln gilt.

Demgegenüber stehen leistungsfähige Branchen mit großen Chancen in bereits entwickelten und vorhandenen Zukunftstechnologien. Die gesamtsystemischen Kosten des Umbaus sind mit rund 20 Milliarden Euro pro Jahr knapp halb so hoch wie die Verteidi-gungsausgaben und fördern zudem nachhaltig das Wachstum. Klimaschutz und Energiewende sind nicht Bürde, sondern Chance – mit zahlreichen Möglichkeiten insbesondere für die deut-sche Industrie.

Befürchtung Nr. 4: Roboter werden die Hälfte unserer Jobs vernichten.

Fraglos, die Digitalisierung krempelt die Arbeitswelt um. Viele Tätigkeiten werden bald von Software erledigt. Jobs fallen weg, Berufe verschwinden. Schwarzmaler machen jedoch einen Denkfehler: Sie setzen das Automatisierungspotenzial mit möglichen Beschäftigungseffekten gleich. Wer sich die Geschichte großer Umbrüche anschaut, erkennt jedoch: Jede technologische Revolution hat nicht bloß Millionen bestehender Jobs zerstört, sondern Millionen neuer Stellen hervorgebracht.

Auch die Digitalisierung wird viele Tätigkeiten schaffen, die wir uns heute noch nicht umfassend vorstellen können. Die Arbeit wird uns aber nicht ausgehen. Im Gegenteil, in 20 Jahren haben wir eine halbe Million weniger Arbeitslose als heute. Die Jobs aber werden andere sein. Daher müssen wir ständig lernen und Unternehmen ihre Mitarbeiter kontinuierlich weiterbilden. Außerdem müssen die sozialen Sicherungssysteme der neuen Arbeitswelt angepasst werden. Wir können das bejammern. Oder daran arbeiten, zu den Gewinnern zu gehören. Digitalisierung ist jedenfalls kein Damoklesschwert, dem wir nicht entkommen können. Sie lässt sich gestalten. Wir entscheiden, wohin wir uns entwickeln.

Also Schluss mit dem Krisen-Geraune. Statt zaghafter Trippelschritte sollten wir uns den Weitsprung in die Zukunft zutrauen. Das wäre mutig. Und optimistisch. Vor allem aber wäre es klug. Mein Rat für 2019: auf Baldriantee verzichten und sparsam mit dem Champagner umgehen. Lassen sie uns lieber einen Energydrink nehmen und uns ans Werk machen. Dann wird’s auch was mit der Zukunft.

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