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Wohnen | Mittwoch, 02.01.2019

„Die Mehrheit ist für sozialen Wohnungsbau und Mietpreisbremsen“

Kaum jemand kennt die Deutschen so gut wie sie, denn seit vielen Jahren bittet sie die Menschen um ihre Meinung – die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Prof. Dr. Renate Köcher. Im Interview mit der trendletter-Redaktion beschreibt sie, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf den Wohnungsmarkt auswirken und rät zu smarten Strategien auf städtischen und ländlichen Wohnungsmärkten.

©ifd-allensbach/Tim Brederecke

In der Vergangenheit standen bei den Deutschen die Themen Arbeit und Gesundheit ganz oben auf der Liste der Dringlichkeiten. Glaubt man den Medien, sorgen sich die Menschen heute zunehmend um Mieten und Wohnraum. Welchen Stellenwert hat dieses Thema heute im Vergleich zu früher?

Prof. Dr. Renate Köcher: Es steht nicht an der Spitze des Sorgenkatalogs, hat aber beträchtlich an Bedeutung gewonnen. Die Mehrheit der Bevölkerung macht sich mittlerweile Sorgen, dass es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt, vor vier Jahren waren es erst 35 Prozent.

Wie dringend ist die Sorge um die passende Wohnung für einzelne Bevölkerungsgruppen?

Köcher: Man muss vor allem sehen, dass Wohnungsnot nicht flächendeckend ein Problem ist. In Westdeutschland ist die Situation wesentlich schwieriger als in Ostdeutschland, wo viele Kommunen sogar mit einem hohen Leerstand kämpfen. Und in den großen Städten ist der Wohnungsmangel ein weitaus größeres Problem als auf dem Land. So ziehen in den Großstädten zwei Drittel der Einwohner eine kritische Bilanz der Situation auf dem Wohnungsmarkt, auf dem Land nur gut jeder Dritte.

Wer ist denn von der Wohnungsnot in den Städten besonders betroffen?

Köcher: Die Preisentwicklung in den Städten macht es vor allem für schwächere Einkommensschichten immer schwieriger, bezahlbare Wohnungen zu finden. Dazu kommt, dass die Entwicklung der Mieten und Nebenkosten auch die immer mehr belastet, die eine Wohnung haben.

Ein eigenes Haus, eine Wohnung mit je einem Zimmer für jedes Kind, die perfekte Lage und natürlich ein Balkon – die Ansprüche der Menschen an ihr Zuhause sind hoch. Haben sich die Ansprüche angesichts der Wohnungsnot verändert?

Köcher: In erster Linie sind die Ansprüche an das Wohnumfeld gestiegen. Arbeitsplätze in der näheren Region, gute Kinderbetreuungsangebote, gute Schulen, ein großes kulturelles Angebot und besonders auch eine zufriedenstellende ärztliche Versorgung werden den Menschen immer wichtiger. Und hier fällt die Bilanz in Stadt und Land immer mehr auseinander. Das gilt sowohl für medizinische Versorgung wie für das kulturelle Angebot, aber auch für Einkaufsmöglichkeiten, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die Verfügbarkeit von schnellem Internet. Die Anziehungskraft der Ballungszentren ist gewachsen, während viele ländliche Regionen stagnieren oder Wegzugsgebiete geworden sind.

Aber haben sich nicht auch die Ansprüche an die Qualität und Größe der Wohnungen verändert?

Köcher: Durchaus, auch angetrieben von den langfristigen strukturellen Veränderungen der Gesellschaft: immer mehr Singlehaushalte, der steigende Anteil Älterer, in Teilen der Mittel- und Oberschicht steigender Wohlstand und auch die Auseinanderentwicklung der Infrastruktur von Stadt und Land. Es ist keineswegs so, dass immer mehr mit ihrer derzeitigen Wohnsituation unzufrieden sind. Knapp 90 Prozent ziehen eine positive Bilanz, auch gut 80 Prozent in den großen Städten. Die Größe der Wohnung wird häufiger moniert: Jeder Vierte würde sich hier gerne verändern, wobei sich die junge und mittlere Generation primär mehr Wohnraum wünschen, während die 60-Jährigen und Älteren eher auf eine Verkleinerung aus sind.

In vielen europäischen Ländern und den USA wird schnell mal ein Haus gekauft und auch gleich wieder verkauft. In Deutschland wird das eigene Haus gehegt und gepflegt und schließlich an die Kinder vererbt. Sind die Menschen hierzulande zu unflexibel?

Köcher: Wir haben eine andere Kultur als die USA, in vieler Hinsicht. So ist die Mobilität in den USA wesentlich größer, es wird wesentlich häufiger für einen Arbeitsplatz der Wohnort gewechselt, während die Bindung an die Heimatregion in Deutschland eine große Rolle spielt. Aber wenn der regionale Arbeitsmarkt in einer schlechten Verfassung ist, nimmt auch in Deutschland die Mobilität rasch zu. Ostdeutschland musste ja nach der Wende einen enormen Aderlass verkraften, den Wegzug von Millionen insbesondere jüngerer Menschen. In solchen Situationen ist die Flexibilität außerordentlich groß, und wir haben ja durchaus beträchtliche Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands mit Zuzugs- und Wegzugsregionen.

Dennoch hängen wir sehr an unserem Wohneigentum. Warum ist das so?

Köcher: Wohneigentum wird von der Bevölkerung als wichtige Säule der Alterssicherung gesehen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist auch durchaus überzeugt, dass es sich lohnt, in Wohneigentum zu investieren. An sich ist der Anteil der Immobilieneigentümer in Deutschland ja im Vergleich zu vielen anderen Ländern eher niedrig.

Was können, was müssen Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tun, um die angespannte Wohnungssituation in Deutschland zu entschärfen?

Köcher: Noch einmal: Die Wohnungssituation ist nicht flächendeckend angespannt, sondern in bestimmten Regionen, insbesondere in den Ballungsgebieten. Es müssen Strategien für beide Problemfelder entwickelt werden: Zum einen für die Städte und Regionen mit einer angespannten Wohnungssituation, zum anderen auch für die Regionen, die von einem anhaltenden Wegzug geprägt sind und entsprechend auch von einer Entwertung der Immobilienvermögen.

Welche Themen sind aus Ihrer Sicht dabei besonders entscheidend?

Köcher: In den größeren Städten und Zuzugsregionen kommt es vor allen Dingen darauf an, den Bau neuer Wohnungen zu beschleunigen, und auch dafür zu sorgen, dass sich auch sozial Schwächere leisten können, in Städten zu wohnen. In den Wegzugsregionen geht es dagegen vor allem um die Frage, wie man eine intakte Infrastruktur aufrechterhalten kann, die die Grundbedürfnisse zufriedenstellend abdeckt, wie ausreichend Schulen, eine zufriedenstellende medizinische Versorgung, Verkehrsanbindung, schnelles Internet etc.

Was erwarten die Menschen konkret von der Politik?

Köcher: Vor allem, dass der soziale Wohnungsbau wieder forciert wird, aber auch, dass es den mittleren und schwächeren sozialen Schichten erleichtert wird, Wohneigentum zu erwerben, sei es durch Zuschüsse oder Steuererleichterung. Auch Mietpreisbremsen hält die Mehrheit für ein grundsätzlich richtiges Instrument.

Sie fragen in Ihrem Institut die Menschen seit vielen Jahren nach ihren Sorgen, Nöten und Wünschen. Welches Ergebnis einer Befragung hat Sie persönlich zuletzt gefreut?

Köcher: Dass sich immer mehr Menschen als Wohlstandsgewinner sehen und die Abstiegsängste in den letzten Jahren zurückgegangen sind. Mittlerweile ziehen in der mittleren Generation zwischen 30 und 60 Jahren 42 Prozent die Bilanz, dass ihre wirtschaftliche Lage positiver ist als vor fünf Jahren. Der Anteil, der ausgeprägte Abstiegsängste hat, ist in den letzten vier Jahren von 15 auf elf Prozent zurückgegangen. Generell ist es eigentlich so, dass der Umgang mit repräsentativen Bevölkerungsumfragen erfreulicher und beruhigender ist als die Beobachtungen der öffentlichen Debatten.

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