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Autonomes Fahren | Montag, 21.01.2019

Die Überwindung von Raum und Zeit?

Autonome Fahrzeuge bieten einen nie dagewesenen Fahrkomfort und lassen Fahrzeit für Arbeiten, Online-Aktivitäten, Freizeit oder Schlafen verfügbar werden. Ändert dies das Pendel- und Wohnverhalten?

© picture alliance/APA/picturedesk.com

Von Prognos-Experte Sven Altenburg

Pendelzeit ist verlorene Zeit – zumindest dann, wenn man die täglichen Pendelstrecken mit dem eigenen Pkw zurücklegen muss. Was aber wäre, wenn man die Fahrtzeit sinnvoll nutzen könnte? Was wäre, wenn das Auto seine Insassen autonom durch den Verkehr schleusen und diese entspannt den Arbeitsplatz erreichen würden? Autonome Fahrzeuge sind in der Lage, alle Fahrfunktionen uneingeschränkt im gesamten Straßennetzt eigenständig zu übernehmen. Somit können Menschen von Tür zu Tür befördert werden, ohne dass sie während der Fahrt eingreifen oder auch nur aufmerksam sein müssen.

Schmerzgrenzen der Mobilität

In der Verkehrswissenschaft ist seit langem das "konstante Reisezeitbudget" bekannt. Dieses Phänomen beschreibt, die "Schmerzgrenze" für die Zeit, die die meisten Menschen unterwegs verbringen möchten. Ungefähr 90 Minuten täglich werden mehrheitlich als noch akzeptabel angesehen, längere Pendelwege sind hingegen sehr selten und werden allenfalls von Wochenendpendlern in Kauf genommen. Logische Folge: Pendlerwege sind nur so lang wie es das konstante Reisezeitbudget erlaubt. Hinter dieser Grenze des zeitlich Machbaren brechen die Pendlerverflechtungen abrupt ab.

Was aber passiert, wenn Fahrzeit Teil der Arbeits- oder Freizeit wird? Löst sich dann die Abneigung gegen längere Fahrzeiten auf? Dies wäre mit einer Bereitschaft zu deutlich längeren Pendelwegen gleichzusetzen. Der peripherere Raum würde als Wohnort gestärkt. Das is zunächst positiv. Doch solange die Abhängigkeit von den zentralörtlichen Angeboten der Kernstädte besteht, überwiegen die negativen Effekte. Mit dem autonomen Fahren würde im Wesentlichen eine neue Suburbanisierungswelle bislang ungekannten geographischen Ausmaßes auf uns zurollen: Der autonome Privat-Pkw würde seine Funktion als "third living space" weiter ausbauen und noch mehr und noch längere und ressourcen-intensivere Strecken begünstigen.

Ansätze einer nachhaltigen autonomen Mobilität

Jenseits des Privat-Pkw bietet autonomes Fahren allerdings auch die Chance zum ÖPNV-Ausbau. Durch entfallende Personalkosten und hohe Flexibilität können autonome Fahrzeuge (z.B. ÖPNV-Zubringer) auch bislang wirtschaftlich kaum erschließbare Räume bedienen. Ziel muss es dabei sein, das Umland der Städte möglichst hochwertig und emissionsfrei mithilfe dieser Angebote zu erschließen. So können bestehende Pendelbeziehungen nachhaltiger gestaltet oder sogar neu geschaffen werden.

Städte sind daher gut beraten, autonomes Fahren nicht allein als Technologie des privaten Pkw zu verstehen. Es ist vielmehr proaktiv zu prüfen, ob Investitionen in diese Technologie Spielräume zur Ausgestaltung und Stärkung des ÖPNV und einer strategischen Regionalentwicklung bieten.  Innovative und flexible Angebotsformen können kostengünstig insbesondere Zubringerfunktionen in der Fläche bieten. Gleichwohl sind parallel dazu erhebliche Investitionen in die Haupttrassen des ÖPNV unerlässlich, um die nötige Effizienz und einen Mehrwert gegenüber dem eignen Pkw zu bieten. Eine derartige Angebots-Offensive hilft dabei, Pendlerströme auch künftig beherrschbar zu halten.

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