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Digitalisierung | Dienstag, 05.02.2019

Mündige Bürger gesucht

Chancen und Risiken liegen bei der Digitalisierung dicht nebeneinander. Während die Chancen aber vielfach gepriesen werden, ist das Thema Risiken ein Ladenhüter. Zu Unrecht, meint Prognos-Vizedirektorin Dr. Almut Kirchner. Risiken eindämmen kann nur, wer sie kennt.

©Roland Schmid

Sie warnten vor der Aushöhlung der Bürgerrechte und einer Schwächung der Demokratie. Sie nannten es „Digital Manifest“, verfassten zehn grundlegende Prinzipien, wie die Chancen der Digitalisierung stärker genutzt werden könnten – und doch blieb die Debatte aus.

Das Manifest, das neun internationale Experten aus Wissenschaft und digitaler Wirtschaft Anfang 2016 in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ veröffentlichten, fand in der Öffentlichkeit kaum Widerhall.

Ein Grund mehr, genauer hinzuschauen. Tatsächlich nämlich liegen in vielen Bereichen, in denen die Digitalisierung eine zunehmende Rolle spielt, Chancen und Risiken dicht beieinander. Ob im Gesundheitswesen, im Handel oder im Verkehr – wo es Vorteile gibt, gibt es auch Gefahren. Doch während die Chancen viel beschworen werden, scheint sich die Welt vor den Risiken zu ducken. Dabei kann nur eine Gesellschaft, die sich der Risiken durch die Digitalisierung bewusst ist, Resilienz entwickeln. Und nur eine resiliente Gesellschaft kann die Chancen der Digitalisierung ergreifen, ohne möglichen Risiken der Digitalisierung schutzlos ausgeliefert zu sein.

Sicherheitslücken gefährden sensible Daten

Die Risiken der Digitalisierung sind vielschichtig und wirken auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Gesamtgesellschaftliche und systeminhärente Gefahren bestehen etwa dort, wo es um die Sicherheit von Verkehrsinfrastrukturen geht oder um die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Energie. Diese Systeme funktionieren schon heute teilweise digital und verknüpfen beispielsweise eine volatile Stromproduktion mit einer zunehmend flexiblen Nachfrage. Fallen sie aus, hat das weitreichende Konsequenzen. Derartige erweiterte Infrastrukturen müssen deshalb auf jeder einzelnen Planungs- und Ausführungsebene gesichert werden, beginnend bei der (Netz-)Topologie – eine enorme Herausforderung.

Zusätzlich müssen sie sicherstellen, dass eine Grundversorgung unabhängig von der digialen Infrastruktur gewährleistet ist. Dazu werden Notstromgeneratoren genauso benötigt wie Technik, die unabhängig vom Internet und Stromnetz funktionieren kann, und vorab getestete Strukturen für eine gute Krisenkommunikation. Die Risiken der technischen Ebene werden bislang noch am ehesten diskutiert: Hacker gelangen immer öfter über Sicherheitslücken an sensible Daten. Ebenso könnten sie die Steuerung autonomer Systeme – etwa selbstfahrender Autos und Anlagen – übernehmen.

Gefährdet sind auch kleinere Versorgungseinheiten, die manipuliert werden können, um Lösegelder zu erpressen. Während große Unternehmen ihre Daten zunehmend professionell schützen, entsteht ein Dilemma vor allem dort, wo kommunizierende Produkte gehackt werden und dadurch ein Schaden beim Nutzer und nicht beim Hersteller entsteht. Wer steht für die Sicherheit des Systems in der Pflicht?
Solche Lücken müssen entweder ordnungsrechtlich oder durch selbstverständliche Anforderung und Nachfrage der Nutzer nach Sicherheit als Teil der Produktqualität geschlossen werden.

Wie wollen wir in einer digitalisierten Welt leben?

Beim Umgang mit Daten ist ebenfalls Vorsicht geboten. Die zunehmende Durchdringung aller Lebensbereiche mit praktischen Smartphone-Anwendungen macht uns nicht nur gläsern. Unsere persönlichen Daten werden auch dort gesammelt, wo wir sie nicht haben wollen: bei privaten Unternehmen, die keiner Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig sind. Noch sensibler ist der Umgang mit Daten im Gesundheitssektor. So ist der Nutzen der Informationen für medizinische Forschungen oder bei der individuellen Versorgung eines Patienten unbestritten.

Jedoch ist auch die Sorge begründet, dass Informationen aus Diagnosen, Genomanalysen oder sozialen Erhebungen zu einer neuen „Klassifizierung“ von Menschen führen könnten. So entstehen neue soziale Kategorien, Bewertungsraster und Möglichkeiten zur Ausgrenzung und damit ein Risiko für jeden einzelnen. Soll eine solche Entwicklung verhindert werden, ist der Rechtsrahmen entsprechend zu erweitern – nicht nur die informationelle Selbstbestimmung muss gewährleistet sein, sondern auch individuelle Entscheidungs- und Wahlrechte müssen weiterhin aufrechterhalten werden.

Kollektive Risiken entstehen außerdem auf der Ebene des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Mit dem Argument der Sicherheit werden die Privatsphäre verletzt und individuelle Freiheiten eingeschränkt. Ein anderes Beispiel sind sogenannte Echokammern in sozialen Medien. Algorithmen sorgen dafür, dass sich in den sozialen Netzwerken vor allem Gleichgesinnte treffen und selektive Informationen erhalten, manipulieren Meinungen und Informationen.

Auch Big Nudge, also das Anstupsen zu einem bestimmten Verhalten, beeinflusst unsere Entscheidungen. Der Umgang mit solchen Risiken und ihren Implikationen muss von Grund auf neu verhandelt werden. Klar ist: Unsere Gesellschaft mit ihren wichtigen demokratischen Errungenschaften wird anfälliger gegenüber Angriffen und Manipulationen. Wir sollten uns dem mit breiten Debatten und daraus folgenden regulativen und organisatorischen Aktivitäten entgegenstellen.

Es geht um sehr viel: Wir müssen entscheiden, wie wir in einer globalisierten und digitalisierten Welt mit ungeheuren potenziellen Machtkonzentrationen durch Datenauswertung leben wollen. Die Autoren des „Digital Manifest“ haben dafür zehn Grundprinzipien als Leitlinie entworfen. Sie wollen Risiken rechtzeitig entgegentreten und rufen nach

  1. einer stärker dezentralen Funktion von Informationssystemen,
  2. informationeller Selbstbestimmung und Partizipation,
  3. mehr Transparenz für eine erhöhte Vertrauenswürdigkeit,
  4. weniger Informationsverzerrung und -verschmutzung,
  5. Informationsfiltern, die vom Nutzer selbst gesteuert werden,
  6. gesellschaftlicher und ökonomischer Vielfalt,
  7. technischen Systemen, die besser zusammenarbeiten,
  8. digitalen Assistenten und Koordinationswerkzeugen,
  9. Unterstützung der kollektiven Intelligenz und
  10. mündigen Bürgern in einer digitalen Welt.

Bereits jetzt, zwei Jahre nach Erscheinen, wird das Manifest von einzelnen Entwicklungen überholt. Höchste Zeit, sein Anliegen aufzugreifen und zu Gehör zu bringen.

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