Prognos Logo Print
Detailansicht
Klima | Donnerstag, 02.11.2017

Schwarze Schwäne in der Energiewende

Die Energiewende ist ein langfristiges und komplexes Projekt. Gibt es bislang nicht betrachtete Risiken, die sie gefährden könnten – und wie könnte das Energiesystem abgesichert werden? Über diese Fragen referierte Prognos-Expertin Almut Kirchner auf den „AGCS Expert Days 2017“.

Solarpanels

©iStock - Jeff_Hu

Welche Entwicklungen außerhalb der bekannten und gut einschätzbaren Einflussfaktoren sowie Risiken können die Umsetzung der Energiewende gefährden – und welche Strategien gibt es, auf solche Risiken zu reagieren und das Energiesystem zu stabilisieren?

Zu dieser Frage referierte Prognos-Vize-Direktorin Dr. Almut Kirchner am Donnerstag, 2. November, in München – auf den "Expert Days 2017 - Green Energy" der Allianz Global Corporate & Specialty SE.
Kirchners Keynote trug den Titel "Black Swans - Resiliency of the Green Energy System".

Zu Beginn ihres Vortrags reflektierte die Expertin für Energiesysteme mögliche Klassifikationen von Risiken und den möglichen Umgang damit. Zahlreiche Risiken sind bekannt, im Rahmen der Wahrscheinlichkeitstheorie berechenbar und mit bekannten Strategien handhabbar.

Es gibt jedoch sowohl bei komplexen Systemen als auch bezüglich der Wechselwirkungen von gesellschaftlichen und technischen Aktivitäten mit Ökosystemen sehr schwer abschätzbare und berechenbare Einflussfaktoren, die sehr gravierende Auswirkungen auf ganze Systeme haben können. Im Rahmen der Bewältigung der letzten Finanzkrise prägte der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb für eine „Klasse“ solcher Risiken den Begriff „Schwarzer Schwan“.

"Schwarzer-Schwan"-Risiken

Dabei handelt es sich um Risiken, die außerhalb der üblichen einschätzbaren Ereignisse liegen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit häufig unterschätzt wird und deren Auswirkungen auf die Systeme im Nachhinein rationalisiert werden. Solche „Schwarzer-Schwan-Risiken“ wurden in einer Studie von Prognos, dem energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) sowie der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) für das Bundeswirtschaftsministerium untersucht.

„Schwarzer Schwan“-Risiken wirken sich auf verschiedenen Zeitskalen auf die Stabilität der Rahmenbedingungen des Energiesystems sowie für seine Umgestaltung aus. Das heißt, sie beeinflussen die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen, die Infrastruktur, die Verfügbarkeit notwendiger Rohstoffe sowie die Akzeptanz des Wandels. Sie können durch zahlreiche unterschiedliche Initialereignisse hervorgerufen werden.

Die gravierendsten dieser Risiken können zu Clustern zusammengefasst werden – in den Bereichen Technologie- und Infrastrukturentwicklung, nationale und internationale Prioritätensetzungen in der Politik, äußere Einflussfaktoren wie Klimaeffekte, Naturkatastrophen, Seuchen, Kriminalität und Terrorismus, ökonomische Rahmenbedingungen wie Staatsfinanzen oder Welt-Energiemärkte.

Ein unerwartetes Ergebnis, das die Forscher erstaunte

Bei einer Analyse der Wirkungsketten dieser Risikocluster erweist sich: Sowohl für das Energiesystem als auch die Energiewende als Projekt können Strategien entwickelt werden, sodass das System sowohl robust als auch als resilient gegenüber diesen Risiken gemacht werden kann. Das heißt, dass die Energiewende auch unter Belastungen nicht zusammenbricht und auch gegebenenfalls auf leicht veränderten Pfaden weiterentwickelt werden kann.  Das war ein unerwartetes Ergebnis, das die Forscher selbst erstaunte.

Das stärkste Risiko ist ein relativ bekanntes: Dauerhaft und absehbar niedrige Weltmarktpreise für fossile Energieträger (Öl, Kohle, Gas) sowie niedrige Verbraucherpreise. Diese führen dazu, dass die Entwicklung von Effizienztechnologien sowie erneuerbaren Energien zur Wirtschaftlichkeit schwerer ist und länger dauert als bei hohen Weltmarktpreisen.

Die Ursachen für die niedrigen Preise lassen sich hingegen nicht beeinflussen. Dieses Risiko, das sich mittlerweile sehr deutlich manifestiert, erfordert sehr klare und dauerhaft berechenbare politische Instrumente wie etwa einen starken CO2-Handel oder andere Preisinstrumente. Hierbei sind für ein Erreichen der Klimaziele vor allem im Industriesektor und im Verkehr auch bindende internationale Abkommen und Instrumente notwendig.

Akzeptanz der Bürger wesentliche Voraussetzung

Auch die Risiken Infrastrukturmangel, Digitalisierungsrisiken und möglicher Finanzmangel des Staates erfordern widerspruchsfreie Strategien. Hierfür wird eine intensive vorausschauende Auseinandersetzung mit den möglichen Ereignissen benötigt – zum Beispiel der Einbau von Redundanz und Flexibilität in die Infrastrukturen, verstärkte Absicherung der digitalen Infrastrukturen, starkes Handeln des Staates in Verteilungsfragen, eine aktive Rolle in der internationalen Politik sowohl in Fragen der Klimaschutzabkommen als auch der Rohstoffzugänge.

In ihrem Vortrag betonte Kirchner zudem, dass die Zustimmung und Akzeptanz der Bürger eine wesentliche Voraussetzung für den Umbau des Energiesystems ist. Hierfür ist es notwendig, eine ständige umfassende, transparente und verständliche Kommunikation durchzuführen und aufrechtzuerhalten.

undefinedZur Prognos-Studie "Black Swans (Risiken) in der Energiewende"