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Energie | Freitag, 10.11.2017

„Der Verkehr bremst den Klimaschutz“

Kaum ein Thema haben die Parteien im Wahlkampf so gemieden wie das Klima. „Schluss damit“, sagt Prognos-Energieexpertin Almut Kirchner. Im trendletter-Interview spricht sie über Strom, Spaßbremsen, SUVs – und über die Gewinner und Verlierer des Wandels.

Prognos-Energieexpertin Almut Kirchner

©Christian Flierl

Frau Kirchner, wie steht es um den Klimaschutz in Deutschland?

Klimaschutz heißt Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und Einstieg in die erneuerbaren Energien bis hin zur Vollversorgung. Parallel steigt Deutschland aus der Kernkraft aus. Das ist eine besondere Herausforderung. Die Kernkraft wird ja nicht auf einen Schlag durch Erneuerbare ersetzt, sondern teilweise übernehmen noch Kohlekraftwerke deren Produktion. Für die CO2-Bilanz ist das schlecht.

Soll heißen: Würden wir noch genauso viel Atomstrom produzieren wie vor Fukushima, bräuchten wir weniger Kohle – und der CO2-Ausstoß würde auf einen Schlag sinken?

Nicht auf einen Schlag, aber er wäre kontinuierlich stärker abgesunken. Aber auch das ist natürlich eine Milchmädchenrechnung. Der Ausstieg aus der Kernkraft hat ja Gründe. Kernkraftrisiken gegen Klimarisiken aufzurechnen ist nicht sinnvoll. Fest steht: Der Ausstieg aus der Kohle ist bislang eher ein Einstieg in den Ausstieg. Auch wenn das Thema Klimaschutz im Wahlkampf gemieden wurde, weil niemand als Ökospaßbremse gelten wollte – der Kohleausstieg wird eines der zentralen Themen der neuen Legislatur werden.

Also ein schlechtes Zeugnis für die Wahlkämpfer, aber ein gutes für den Klimaschutz der vergangenen vier Jahre?

Ja und nein. Die Anstrengungen der vergangenen 20 Jahre haben schon dazu geführt, dass wir deutlich weniger Treibhausgase ausstoßen als 1990 und 2000. Seit einigen Jahren sinken die Emissionen allerdings kaum noch. Die Ziele für 2020 werden wohl verfehlt. Dennoch gab es eine Reihe von Erfolgen, etwa den Ausbau der Erneuerbaren und die Entwicklung zahlreicher Technologien, die unseren Umgang mit Energie effizienter machen.

"Der Verkehr bremst den Klimaschutz in Deutschland"

Also gute Noten für die Erneuerbaren? Was lief sonst noch gut?

Ja, im Bereich Erneuerbare würde ich durchaus eine Zwei geben. In Sachen Wärmeschutz eine Drei und für die Entwicklung von Technologien wieder eine Zwei. Für die Umsetzung dieser Technologien dagegen lediglich eine Vier minus. Und bei der Infrastruktur sind wir ähnlich weit hinterher. Am meisten Sorgen bereitet aber die Mobilität – das ist leider eine Sechs.

Da würden sich die regierenden Parteien sicher wünschen, sie würden von Ihnen nach dem Schweizer Notensystem beurteilt; da ist die Sechs die beste, die Eins die schlechteste Note.

Dafür hätten sie allerdings viel, viel mehr tun müssen. Denn wir haben heute fast genauso viel klimaschädliche Emissionen wie 2009. Eigentlich wollte Deutschland diese bis 2020 um 40 Prozent unter den Wert von 1990 drücken. Erreicht sind bisher nicht mal 30. Und das liegt eben nicht nur an den Kraftwerken, sondern auch an Autos und Lastwagen, die immer mehr Abgase in die Luft blasen. Der Verkehr, im Wesentlichen der Straßenverkehr, ist nicht nur der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Er ist sogar Deutschlands größter Energieverbraucher. Der Verkehr bremst den Klimaschutz in Deutschland.

Dabei werden die Motoren doch aber immer effizienter.

Mag sein. Aber erstens bewegen sich Menschen und Güter immer mehr, und es gibt auch immer mehr Fahrzeuge. Zweitens entscheiden sich immer mehr Autokäufer für große Motoren; denken Sie nur an die vielen sogenannten SUVs. Hinzu kommt ein wenig attraktiver ÖPNV außerhalb der Ballungsräume. Außerdem werden bei uns immer mehr Güter auf der Straße transportiert. Der Güterverkehr ist im Zuge der Globalisierung und der europäischen Integration sogar etwas stärker gewachsen als die Wirtschaft. Beides verträgt sich schlecht mit dem Klimaschutz.

"Wir brauchen zukunftsweisende Antriebstechnologien"

Was müssen wir tun?

Ziemlich viel umkrempeln: technologisch, organisatorisch und bei der Infrastruktur. Wir müssen weg von der Vorstellung, dass wir uns auch in Zukunft vornehmlich mit Verbrennungsmotoren fortbewegen, die in Autos eingebaut sind, die 23 Stunden am Tag herumstehen und unvernetzt mit anderen Verkehrsmitteln eine überlastete Infrastruktur verstopfen. Für eine Welt, in der Mobilität wichtiger ist als der Besitz eines eigenen Wagens, brauchen wir ein viel größeres und kreativeres Angebot an Verkehrsmitteln. Der Nutzer muss nach Bedarf wählen können. Für die Ballungszentren denke ich zum Beispiel an E-Bikes, Carsharing oder Elektro-Sammeltaxis im Verbund mit einem gut vernetzten ÖPNV. Zum Teil braucht es aber auch noch völlig neue Fahrzeuge und Antriebe. Die Mobilität steht vor einem gewaltigen Wandel.

Wo sehen Sie den größten Nachholbedarf?

Wir brauchen zukunftsweisende, also saubere, effiziente und alltagstaugliche Antriebstechnologien – im Moment sehen wir da vor allem Hybrid und Elektro. Aber auch Brennstoffzellenantriebe mit Wasserstoff oder Gasen sind noch im Rennen. Das gilt auch für den Güterverkehr. Fast drei Viertel werden auf der Straße transportiert, für weniger CO2-Emissionen muss mehr auf die Schiene und aufs Binnenschiff. Bei den Antrieben für den motorisierten Schwerlastverkehr ist bisher noch nicht klar, welche alternative Form das Rennen machen wird – aber es wird eine geben müssen. Außerdem sind hier Organisationsfragen neu zu denken: Wie verteilt man Güter klug, zeit- und energieeffizient auf Strecken und Antriebsformen?

Was kann die Politik dafür tun?

Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung krempeln die Mobilität um. Damit wir nicht weltweit den Anschluss verlieren und gleichzeitig etwas für das Klima tun, bräuchten wir beispielsweise klare, strenge und verbindliche CO2-Vorgaben; eventuell schlupflochfreie Flottengrenzwerte, also Richtwerte, wie viel Gramm CO2 pro Kilometer die gesamte verkaufte Pkw-Neuwagenflotte eines Autoherstellers im Schnitt in die Luft blasen darf.

"Die Menschen müssen besser eingebunden werden"

Für die Entwicklung solcher Technologien hatten Sie ja eine Zwei vergeben. Für die Umsetzung nur eine Vier minus. Warum?

Deutschland kann aktuell kaum die folgende wichtige Frage beantworten: Wie lassen sich Märkte so organisieren, dass neue Technologien ausprobiert und effizient schrittweise eingeführt werden? Warum ist es nicht längst attraktiver, in Effizienz zu investieren als in den Verbrauch fossiler Brennstoffe? Warum werden die energiewirtschaftlichen Regelungen für neue Geschäftsmodelle im Bereich Effizienz und Erneuerbare immer komplexer? Warum gibt es nicht mehr Möglichkeiten, das Prinzip „nutzen statt besitzen“ weiter anzuwenden – ohne Verwerfungen wie bei mancher „Vermietungsplattform“? Hier sind wir einfach zu träge, was die Rahmenbedingungen angeht. Das geht genauso langsam wie der Aus- und Umbau hin zu einer Infrastruktur, die die Energiewende voranbringt. Was nützt es, dass an windigen und sonnigen Tagen große Teile des deutschen Strombedarfs aus Erneuerbaren gedeckt werden können, wenn es keine Leitungen gibt, über die der Strom dahin kommt, wo er gebraucht wird?

Aber dass die neuen Stromleitungen nicht schnell genug gebaut werden, liegt doch nicht nur am Staat, sondern auch daran, dass keiner die Stromtrassen vor der Haustür haben will?

Deswegen müssen die Menschen besser eingebunden werden. Das braucht einen großen, gesellschaftlichen Dialog, damit die Deutschen auch weiterhin den Umbau der Energieversorgung und -nutzung richtig finden und die damit verbundenen Chancen nutzen können. Ebenso braucht es ein bedachtes Vorgehen vor Ort. Wo eine Stromtrasse geplant ist, müssen Anwohner nicht nur über Nutzen und Risiken aufgeklärt werden. Sie müssen verstehen, warum das Vorhaben für die Allgemeinheit notwendig ist. Und sie müssen an einem für alle tragbaren Verlauf mitarbeiten können, also zum Beispiel Einwände erheben und Alternativen vorschlagen dürfen. Wo das nicht möglich ist, wählen viele die pure Ablehnung.

"Energiewende ist Strukturwandel. Da gibt es Gewinner und Verlierer"


Kostet uns die Energiewende eigentlich Wirtschaftswachstum?
Moment, es sind die Folgen des Klimawandels, die uns Milliarden kosten! Sie verlangsamen auch das Wirtschaftswachstum. Das scheint erstmal abstrakt, wird aber für jeden spürbar, wenn sich Extremwetterereignisse vervielfachen und Schäden entstehen, gegen die Sie kaum Vorsorge treffen können, hier wie anderswo. Gerade Länder mit hoher Verwundbarkeit werden getroffen, etwa von zunehmenden Dürren oder Überschwemmungen, die Lebensgrundlagen zerstören. In einer globalisierten Welt betrifft das über kurz oder lang auch uns, wenn Staaten instabil werden oder Menschen sich aus ausweglosen Situationen auf den Weg machen. Die gute Nachricht ist: Der Klimaschutz hilft nicht nur, das zu verhindern. Er kann Motor für Wirtschaftswachstum und Wohlstand sein. Nämlich dann, wenn richtig investiert wird. Etwa von dem Geld, das in Anlagen gesteckt wird, die Strom aus Erneuerbaren erzeugen: in Stromnetze, in die energetische Sanierung von Gebäuden, in moderne, effiziente Produktionsprozesse, in neue Fahrzeuge. Dann landet ein großer Teil bei deutschen Unternehmen. Das wirkt sich unmittelbar auf die Wertschöpfung und Beschäftigung aus. Gleichzeitig spart das Energie, sodass wir weniger Kohle und Öl importieren müssen.

Und wer sind die Verlierer?

Energiewende ist Strukturwandel. Da gibt es Gewinner und Verlierer. Doch er ist unvermeidlich, wir müssen ihn so gestalten, dass möglichst viele auf der Gewinnerseite stehen. Zu den potenziellen Verlierern gehören alle, die mit den bisherigen konventionellen Energieträgern zu tun haben. Da wird es Aushandlungsprozesse geben müssen: Ob und wenn ja, wie können solche Unternehmen bei ihrer Transformation unterstützt werden? Hinzu kommen drängende Verteilungsfragen bei der Umsetzung und Finanzierung der Technologien. Die aktuell ohnehin debattierten Verteilungsfragen werden durch energiebezogene Fragen verstärkt. Das trifft praktisch jeden Bürger im Alltag – Hausbesitzer, Mieter, Stromkunden, Autofahrer oder ÖPNV-Nutzer – und auch den Bürger als Steuerzahler. Hier müssen Energie-, Industrie- und Sozialpolitik ganzheitlich gesehen werden.

Sie haben es eben gesagt: Deutschland wird seine Klimaziele bis 2020 wohl verfehlen. Stellt das die Klimaziele in Frage?

Nein, im Gegenteil. Der Klimawandel sitzt uns ja im Nacken. Wir brauchen Ziele, auch Zwischenziele auf zeitlicher und sektoraler Ebene. Nur so können wir das langfristige Ziel der fast vollständigen Reduktion von Treibhausgasen bis 2050 umsetzbar machen. Andererseits ist es Unsinn, so zu tun, als könnten sich innerhalb der Wirtschaft und Gesellschaft alle Sektoren gleich schnell anpassen. Allerdings ist das keine Frage der Ziele, sondern der Strategien und Instrumente, mit denen man diese erreichen will.
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Die Fragen stellte Felizitas Janzen

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