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Digitalisierung | Montag, 11.06.2018

Industrie der Zukunft – digitale Ökosysteme machen es vor

Die Digitalisierung zwingt die deutsche Industrie zum Handeln – Produkte müssen neu gedacht, Analoges und Digitales kombiniert werden. Wie das gelingt, erklärt Prognos-Experte Johann Weiß im neuen trendletter®.

© iStock - danchooalex

Autos, Maschinen, Elektrogeräte – dafür ist die deutsche Industrie bekannt. Auf Dauer wird das aber nicht reichen, um international erfolgreich zu bleiben. Mit der Digitalisierung treten neue Wettbewerber mit innovativen Geschäftsmodellen auf die Märkte und setzen klassische Anbieter physischer Produkte unter Zugzwang. Gekauft wird künftig nicht mehr das Heizkörperthermostat. Gekauft wird die digital und dezentral gesteuerte Raumtemperierung.

Die Digitalisierung zwingt die Industrie, sich neu zu erfinden. Schon in der Vergangenheit mussten bis dahin erfolgreiche Geschäftsmodelle Innovationen weichen. So bedrohten in den 1980er-Jahren japanische Standardwerkzeugmaschinen deutsche Hersteller. Preiswert und mit seinerzeit neuer elektronischer Steuerung ausgestattet, machten sie heimischen Maschinen Konkurrenz. Mechanische Qualitäten allein reichten nicht mehr. Erst als die deutschen Hersteller ihre traditionellen Stärken wie die Präzisionsmechanik mit der neuen Technologie kombinierten, kehrten sie an die Weltspitze zurück.

Kundenbindung stärken

Heute verändert die Industrie 4.0 Produktionsprozesse und Geschäftsmodelle. Durch die Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg kann die Wertschöpfung von der Kundenbestellung über die industrielle Herstellung bis hin zur Rechnungstellung flexibel und in Echtzeit gesteuert werden. Individuelle Kundenwünsche und automatisierte Massenproduktion schließen sich nicht mehr aus. Darüber hinaus werden neuartige Produkte und Leistungen möglich. Angeboten wird nicht mehr nur das Auto, sondern gleichzeitig die Ferndiagnose, Online-Wartung und der automatische Pannenservice. Auf Wunsch werden optionale Features, etwa automatisiertes Nachtlicht, genau dann freigeschaltet, wenn sie gebraucht werden – abgerechnet wird über Blockchain-abgesicherte smarte Verträge. Die Vernetzung mit Kunden und Partnerunternehmen erweitert die industrielle Wertschöpfungskette. Digitale Serviceelemente stärken die Kundenbindung. So optimiert zum Beispiel der bremische Traditionsbetrieb BEGO (ehem. Bremer Goldschlägerei, gegr. 1890) sein Kernprodukt – individuell angepassten Zahnersatz – durch den Einsatz modernster 3D-Druck-Technologie. Zusätzlich erschloss sich BEGO durch den Vertrieb selbst entwickelter Maschinen und Software sowie passender Schulungen an andere Unternehmen ein ganz neues Geschäftsfeld.

Mit dem digitalen Wandel rücken datengetriebene Dienstleistungen zunehmend ins Zentrum auch der industriellen Wertschöpfung. Als Kernkompetenz reicht die Herstellung physischer Güter oft nicht mehr aus. Ergänzende, passgenau auf Kundenbedürfnisse abgestimmte Leistungen sind künftig unabdingbar.

Schrittmacher auch für den digitalen Wandel in der Industrie sind häufig die großen digitalen Ökosysteme. Derzeit halten etwa „smarte Lautsprecher“ wie Amazon Echo, Google Home oder Apples Home Pod Einzug ins Zuhause. Smartphones mit den Betriebssystemen iOS oder Android sind längst omnipräsent. Diese Geräte sind einerseits Lautsprecher bzw. Mobiltelefone. Andererseits eröffnen sie den Zugang zu datengetriebenen Leistungen der jeweiligen Plattform und angeschlossener Unternehmen – seien das Anbieter von Musik und Filmen, Online-Warenhäuser oder Mobilitätsdienste. Dem Kunden wird ein immer breiteres Leistungsspektrum angeboten, das mithilfe von Big-Data-Analysen möglichst gut auf seine individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist.

Daten sind der Rohstoff der Zukunft

Für die Industrie geht es darum, nicht zum – leicht ersetzbaren –Zulieferer der Digitalplattformen degradiert zu werden. Autobauer könnten an den Rand der Wertschöpfungskette gedrängt werden, wenn sie neuen Mobilitätsdienstleistern künftig nur noch die Fahrzeuge gewissermaßen als Hardware zuliefern. Maschinenbauer könnten durch eine Android-ähnliche Plattform für Maschinen und Anlagen die Hoheit über die Steuerungssoftware verlieren – und damit die Kontrolle über maschinengenerierte Daten. Für den heimischen Maschinenbau wäre das eine große Gefahr: Softwaregestützte Maschinensteuerung stellt den zentralen Teil der Wertschöpfungskette dar. Die Daten gelten als Rohstoff der Zukunft und bilden häufig das Fundament für neue Geschäftsmodelle. Um weiterhin mitzuhalten, stehen klassischen Industrieunternehmen vor allem zwei Wege offen: Sie können sich mit ihren Produkten durch Qualität, Design und Marke profilieren und so zu unverzichtbaren Partnern der Plattformbetreiber werden. Oder sie kombinieren ihre traditionellen Stärken im Bereich hochwertiger physischer Konsum und Investitionsgüter mit passgenau auf den einzelnen Kunden abgestimmten datengetriebenen Leistungen.

Ein anschauliches Beispiel aus Deutschland für die erfolgreiche Kopplung von analoger und digitaler Welt ist der Thermomix. Frühere Generationen dieser Küchenmaschine überzeugten allein mit ihren physischen Eigenschaften. Das aktuelle – WLAN-fähige – Modell verbindet den herkömmlichen analogen Qualitätsanspruch mit einem digitalen Serviceangebot rund um das Produkt: Kunden können „guided cooking“- Rezepte online aus einer umfangreichen Datenbank erwerben oder eigene Rezepte auf der geschaffenen Plattform einstellen. Ein neues Geschäftsmodell sind Partnerschaften etwa mit Lebensmittel-Lieferdiensten, die über das Gerät direkt mit den Konsumenten verbunden werden. In der Folge entstanden beim Thermomix-Hersteller ganz neue Berufsbilder. „Recipe Marketer“ kreieren digitale Rezeptkollektionen, „Customer Love Managers“ stehen im kontinuierlichen Austausch mit der Nutzer-Community. Ähnlich smarte Entwicklungen sind auch in anderen Industriebranchen zu beobachten: Autonome, vor die Haustür rollende Fahrzeuge könnten in absehbarer Zukunft den Durchbruch für das Carsharing bringen und damit die Autobranche revolutionieren. Big-Data-gestütztes Predictive Maintenance (das frühzeitige Erkennen erforderlicher Wartungs- und Reparaturarbeiten) verspricht neue Geschäftsmöglichkeiten für Maschinenbauer und Zeit sowie Kostenersparnisse für ihre Kunden. Die automatisierte und zugleich individualisierte Produktion von Sportschuhen mit 3D-Druckern ist in kleinem Maßstab bereits Realität und zeigt das große Potenzial der Massenproduktion in Losgröße 1 für den Konsumgüterbereich. Obwohl es schon zahlreiche positive Ansätze und neue Geschäftsmodelle gibt: Viele Industrieunternehmen müssen die Weichen für einen erfolgreichen Weg in die hybride Welt noch stellen, in der sie ihre traditionellen Stärken aus der analogen Welt intelligent mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Ära verknüpfen.