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Mobilität | Mittwoch, 13.03.2019

Pendler: moderne Nomaden

Rund 20 Millionen Menschen pendeln in Deutschland zur Arbeit. Die moderne Straßen- und Schieneninfrastruktur erlaubt, dass immer mehr Menschen auf immer längeren Wegen unterwegs sind. Das verursacht Kosten für den Pendler, aber auch für die Allgemeinheit, gibt Prognos-Experte Hans-Paul Kienzler zu bedenken.

©iStock - pidjoe

Montagmorgen 6:00 Uhr. An keinem anderen Tag der Woche stehen um diese Zeit so viele Menschen am Freiburger Hauptbahnhof. Sie warten auf den ICE nach Norden. Man kennt sich vom Sehen, nickt sich zu. Manchmal wechselt man sogar ein paar Worte. Drei, vier Stunden später sitzen die Fernpendler in ihren Büros in Frankfurt, Köln oder Düsseldorf. Viele von ihnen werden erst am Freitag den Zug zurück nach Freiburg nehmen.

Montagmorgen 8:00 Uhr. Die Straßen in den Städten und Ballungsgebieten füllen sich. Es ist Rushhour. Die Pkw – meist mit nur einer Person besetzt – stehen im Stau vor den Ampeln und fahren im zähfließenden Strom der Tagespendler durch die Innenstädte. Am Abend wiederholt sich das Bild. Pendeln, ob mit dem Auto oder dem öffentlichen Fern- und Nahverkehr, gehört längst zum Alltag vieler Menschen. Die Wege, die zurückzulegen sind, werden dabei immer länger.

Mehr Pendler, längere Strecken, gleiches Zeitbudget. 2017 pendelten in Deutschland fast 20 Millionen Menschen zwischen Wohn- und Arbeitsort hin und her und überschritten dabei mindestens eine Gemeindegrenze. Tendenz steigend, wie das Beispiel Stuttgart zeigt. Dort stieg die Zahl der täglichen Ein- und Auspendler zwischen 2013 und 2016 um sieben beziehungsweise 13 Prozent. Bemerkenswert ist, dass die Stuttgarter Ein- und Auspendler sich nicht nur innerhalb Baden-Württembergs bewegen. Rund 14.000 Personen pendeln von Stuttgart in andere Bundesländer und etwa 25.000 Menschen fahren aus anderen Bundesländern zur Arbeit nach Stuttgart. Das entspricht den Einwohnerzahlen ganzer Kleinstädte, die in Bewegung sind.

Obwohl die Menschen seit Jahrhunderten nicht mehr als 90 Minuten am Tag für den Weg zur Arbeit opfern, pendeln sie dank moderner Technologien über immer größere Distanzen: Wer früher zu Fuß in einem Umkreis von vier bis fünf Kilometern unterwegs war, bewegt sich heute in der gleichen Zeit in einem Radius von 60 bis 80 Kilometern. Verkehrswissenschaftler kennen dieses Phänomen als Marchetti-Konstante. Aber die Pendler bewegen sich nicht nur in gleicher Zeit über immer größere Distanzen, sie tun dies auch sternförmig in scheinbar festgelegten Bahnen rings um die großen Ballungszentren.

Überfüllte Bahnverbindungen und staugefährdete Straßen verursachen Stress

Im Laufe der Zeit haben sich regelrechte Pendler-Rollbahnen ausgebildet. Zwischen Augsburg und München, zum Beispiel. Die dortigen Pendlerverflechtungen, die von Prognos-Experten ausgewertet wurden, zeigen, dass jeden Tag mehr als 9.000 Menschen allein auf dieser Strecke unterwegs sind – mit dem Pkw oder mit der Bahn. Eine weitere Rollbahn ist die Strecke zwischen Frankfurt und Köln. Durch die Neubaustrecke Köln–Rhein/Main ist die Zugreisezeit von früher zwei Stunden und 20 Minuten auf kaum mehr als eine Stunde zurückgegangen. Heute nutzen täglich mehr als 3.700 Ein- und Auspendler diese Verbindung.

Die genannten Zahlen haben Konsequenzen – individuell und strukturell: Unzuverlässige, überfüllte Bahnverbindungen und staugefährdete Straßen verursachen Stress und lassen für den einzelnen Pendler den Traum vom eigenen Haus im Grünen rasch verblassen – und den Wunsch aufkommen, doch wieder näher an den Arbeitsplatz zu ziehen. Doch in den Großstädten herrscht Wohnraummangel; Mieten und Immobilien sind teuer. Dennoch kann sich der Umzug für den Einzelnen lohnen. Denn den höheren Wohnkosten steht in den Städten meist ein attraktiver und relativ günstiger öffentlicher Personennahverkehr gegenüber. Im Idealfall kann man sogar auf das eigene Auto verzichten und für die wenigen längeren Reisen im Jahr Carsharing- oder Mietwagen-Angebote nutzen. In jedem Fall ist ein Zweitwagen nicht mehr nötig, für den man in der Stadt sowieso keinen Parkplatz findet. Außerdem locken das Freizeitangebot und die guten Einkaufsmöglichkeiten. Stadt oder Land? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Für die Gesellschaft hat die Trennung von Arbeit und Wohnen allerdings eine Reihe von Nachteilen im Hinblick auf beispielsweise die Umwelt und die Siedlungsstruktur. Fahrten mit dem Pkw verursachen zum Beispiel einen hohen CO₂-Ausstoß und andere umweltschädigende Abgas-Emissionen. Laut Statistiken beträgt die durchschnittliche einfache Entfernung aller Pendelwege von und zur Arbeit ungefähr 17 Kilometer, das entspricht bei ca. 220 Arbeitstagen im Jahr mehr als 7.000 Kilometern und damit pro Fahrzeug einem Ausstoß von fast einer Tonne CO₂ jährlich.

Wo mit dem Pkw gependelt wird, entstehen Kosten für die Allgemeinheit

Derartige Probleme werden vor allem durch den Individualverkehr verursacht. Daher ist die Bereitstellung eines attraktiven ÖPNV auf dem Land zu fördern, damit zumindest eine Alternative zum Pendeln mit dem Pkw besteht. Dasselbe gilt für einen attraktiven Bahnverkehr zwischen den Metropolen, vor allem mit hoher Kapazität zu solchen Zeiten, in denen die Pendler unterwegs sind. Attraktivität heißt auch: günstige und einfache Tarife. Es ist nur schwer einzusehen, warum eine Jahreskarte der DB beispielsweise zwischen Freiburg und Basel (70 km) 2.800 Euro kostet, eine Bahncard 100 für das gesamte Netz in Deutschland aber knapp 4.300 Euro. Trotz dieses auf den ersten Blick hohen Preises, wäre in den allermeisten Fällen die Bahncard 100 sogar günstiger als der eigene Pkw – zumindest dann, wenn bei der Rechnung die echten Kosten eines Pkw berücksichtigt werden würden.

Durch die Pendlerbewegungen leidet aber auch die Siedlungsstruktur: Städte dehnen sich wegen der Nachfrage nach Wohnraum in das Umland aus, was wiederum Bedarfe an neuen und besseren Verkehrswegen generiert. Um manche Städte haben sich reine „Schlafstädte“ entwickelt, die häufig keinerlei Infrastruktur für den täglichen Einkauf bieten, da der Einkauf nach der Arbeit in der Stadt erledigt wird. Es bedarf neuer Konzepte, um Schlafstädte zu attraktiven Wohn- und Lebensorten zu machen. Die Förderung von kleineren Gewerbebetrieben könnten so manch einem Pendler vielleicht sogar die Chance geben, wieder dort zu arbeiten, wo die Familie wohnt.

Dennoch bleibt die Frage nach dem Wohn- und Arbeitsort eine individuelle Entscheidung. Bedeuten ein neuer Arbeitsplatz oder das Haus im Grünen aber regelmäßige Pendlerfahrten mit dem eigenen Pkw, wird die individuelle Entscheidung gesellschaftlich relevant. Denn wo mit dem Pkw gependelt wird, entstehen Kosten für die Allgemeinheit. Die müssen berücksichtigt werden – von Politikern und anderen Entscheidern vor Ort und in der Region. Der Einzelne kann das kaum leisten und hat – mangels Alternativen – auch oft keine andere Wahl, als sich mit Hunderten anderen jeden Morgen auf die Straße zu begeben.

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