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Recycling | Mittwoch, 24.07.2019

Was vom Auto übrig bleibt

Rohstoffe im Wert von 2,5 Milliarden Euro gehen der deutschen Industrie jedes Jahr verloren. Ein Großteil der Materialien, die in der deutschen Autoflotte verbaut sind, wird nicht wiedergewonnen. Höchste Zeit für eine Neuorganisation des Altautorecyclings!

© Shutterstock – Lucky Team Studio

Von Prognos-Experte Alexander Labinsky

Sie könnten das Paradebeispiel der Circular Economy sein: Autos. Immerhin sieht die EU für Neuwagen eine Recyclingquote von 85 Prozent vor. Das heißt: Von 100 Kilogramm Material, die in einem Auto verbaut sind, werden mindestens 85 Kilogramm wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt. So weit die Theorie. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Karosserie, Reifen oder Windschutzscheiben ausrangierter Autos werden nicht – wie der Laie vermuten mag – komplett zerlegt und wiederverwendet. Rein rechnerisch finden nur etwa 13 Prozent der Bestandteile eines in Deutschland abgemeldeten Fahrzeugs tatsächlich wieder Eingang in die industrielle Produktion. Die Gründe sind vielfältig:

  • Die große Mehrheit der Fahrzeuge wird vor ihrer Stilllegung ins Ausland verkauft. Nur durchschnittlich jedes vierte in Deutschland zugelassene Auto wird auch hier stillgelegt.
  • Recycling ist nicht gleich Recycling. Kunststoffe und Textilien zum Beispiel erfüllen auch dann die Recyclingquote, wenn sie verbrannt werden (Thermische Verwertung). Bei einem modernen Auto betrifft dies rund 30 Prozent der gesamten Materialmenge.
  • Etwa jedes zehnte in Deutschland zugelassene Auto landet erst gar nicht in der fachgerechten Entsorgung, sondern wird beispielsweise ausgeschlachtet und als Ersatzteillager genutzt.

Das Problem Altautorecycling hat also zwei Dimensionen: Zum einen kommen die Fahrzeuge gar nicht erst beim Verwerter an. Zum anderen können Materialien – allen voran Kunststoffe und Textilien – zwar thermisch verwertet, aber nicht wiedergewonnen werden. Ein Problem, das sich in Zukunft verschärfen wird. Der Kunststoffanteil in den ausscheidenden Fahrzeugen des Jahres 2030 wird gegenüber dem Jahr 2000 um 80 Prozent zunehmen. Gleichzeitig verringert sich der Stahlanteil um 25 Prozent. Da gerade Recyclingkunststoffe von der Industrie aufgrund von Qualitätsbedenken nicht angenommen werden, bleibt am Ende wieder nur die Thermische Verwertung. Somit sinkt der Anteil der tatsächlich wiedergewonnenen Materialien weiter.

Es muss also eine Lösung her, die die effektive Recyclingquote erhöht und sowohl die Industrie als auch den Verbraucher im Blick hat. Andere Länder machen es vor: So erzielt Norwegen mit einer Pfandgebühr, die beim Fahrzeugkauf abgeführt und an den Letzthalter erstattet wird, eine Rücklaufquote von praktisch 100 Prozent. Aber auch die Schweiz mit einer durch die Autoimporteure finanzierten Forschungsstiftung und Japan mit seinen nach Fahrzeuggrößen differenzierten Entsorgungsgebühren erzielen mit Rücklaufquoten von 40 Prozent (Schweiz) bzw. 75 Prozent (Japan) bessere Ergebnisse als Deutschland (20 Prozent).

Es wird also Zeit, in Deutschland eine „Zentrale Organisationsstelle Altautoverwertung“ zu gründen. Diese sollte Automobilhersteller und Entsorgungsunternehmen gleichermaßen einbinden und könnte sich über Beiträge für verkaufte Neufahrzeuge oder ein Pfandsystem finanzieren. Aufgabe einer solchen Organisationsstelle sollte es sein, die Recyclingforschung, eine fachgerechte Entsorgung und das Sammeln der Verwertungsnachweise anzuschieben und zu organisieren. So können Produzenten und Entsorger im Schulterschluss die Verwertungsquote der deutschen Autoflotte erhöhen – und dem Ziel einer echten Kreislaufwirtschaft vom Auto zum Rohstoff zum Auto wieder einen Schritt näherkommen.

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