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Prognos trendletter | Mittwoch, 30.10.2019

Wachstum – brauchen wir das noch?

Wachsende Umweltbelastungen und der ungebremste Verbrauch natürlicher Ressourcen führen zu zunehmender Kritik am Wirtschaftswachstum. Aber ohne Wachstum geht es nicht, lesen Sie dazu den trendletter-Artikel von Dr. Michael Schlesinger.

© iStock - DKart

Von Prognos-Experte Dr. Michael Schlesinger

Das Wirtschaftswachstum geht zurück. Die  Prognosen werden pessimistischer, die Wirtschaft droht zu schrumpfen. Ist das schlimm, brauchen wir Wachstum? Und wenn ja, wozu? Die mediale Diskussion dreht sich meist um die kurzfristige Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, also um die Konjunktur. Beim Wirtschaftswachstum geht es aber um die mittel- bis langfristige Entwicklung des Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft, denn das ist letztlich entscheidend für die dauerhafte Entwicklung von Einkommen, Wohlstand und Arbeitsplätzen.

Das Bruttoinlandsprodukt, das gemeinhin als Indikator für die Wirtschaftskraft eines Landes steht, erfasst im Wesentlichen Transaktionen mit einem monetären Gegenwert. Die Qualität des sozialen Umfelds (z. B. Kinderbetreuung in der Familie, Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliche Tätigkeiten) oder die Qualität der Umwelt werden dagegen nicht bewertet. Damit werden diese Faktoren in der üblichen statistischen Betrachtung bei der Messung von Wohlstand und Wirtschaftsleistung nicht berücksichtigt. Dabei sind sie für das Wohlbefinden von erheblicher Bedeutung.

Dennoch steht das Wirtschaftswachstum in der Kritik, weil sich seit langem zeigt, dass sich die Art unseres Wirtschaftens auf Dauer nicht durchhalten lässt. Es werden zu viele natürliche Ressourcen beansprucht, es wird zu viel Müll produziert, es entstehen zu viele Emissionen. Das hält die Erde auf Dauer nicht aus, sagen Umweltwissenschaftler. Also nicht mehr wachsen? So einfach ist es nicht. Denn  Wachstum hat auch seine guten Seiten. Mit Wachstum sind in der Regel mehr Arbeitsplätze, höhere Einkommen und mehr materieller Wohlstand verbunden. In weiten Teilen der Welt ist das bitternötig.

Weltweit hat nur etwa jeder Zweite ein Einkommen von mehr als 12.000 US-Dollar im Jahr. Und immer noch fast eine Milliarde Menschen leben von weniger als 4.000 US-Dollar jährlich. Zwischen Ländern mit hohen und solchen mit niedrigen Einkommen bestehen erhebliche Unterschiede in der Ausstattung mit materiellen Gütern. In den USA (Durchschnittseinkommen 60.000 US-Dollar) beträgt die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf mehr als 75 Quadratmeter  und auf 1.000 Einwohner kommen 810 Pkw, in Deutschland (Durchschnittseinkommen 53.000 US-Dollar) liegen die Werte bei 46 Quadratmetern und 560 Pkw. China dagegen erreicht trotz des langen wirtschaftlichen Aufschwungs nur ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 17.000 US-Dollar, die Wohnfläche pro Kopf beträgt rund 30 Quadratmeter und der Motorisierungsgrad liegt bei 150 Pkw pro 1.000 Einwohner. Dass hier noch viele Wünsche offen sind, kann nicht verwundern. Und wer könnte es den aufholenden Ländern verdenken, wenn sie bei der Erfüllung materieller Wünsche und Bedürfnisse vorankommen wollen.

Aber es geht nicht nur um den persönlichen Wohlstand. Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen (bis 12.000 US-Dollar pro Jahr) brauchen  Wirtschaftswachstum, um ihre Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie die soziale Sicherung auszubauen und damit die Grundlagen für bessere Lebensverhältnisse und weniger Bevölkerungswachstum zu schaffen. Denn ein höheres Pro-Kopf-Einkommen ist eine Voraussetzung für sinkende Geburtenraten, die langfristig zur globalen Ressourcenschonung unverzichtbar sind. Solange die Bevölkerung noch schnell wächst, ist Wirtschaftswachstum auch erforderlich, um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, einer hohen Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und so die soziale Lage zu stabilisieren.

Doch nicht nur Länder mit schnell wachsender Bevölkerung und niedrigen Einkommen brauchen Wachstum, auch die wohlhabenden Staaten werden darauf nicht verzichten können, wenn die Gesellschaften stabil bleiben sollen. Allerdings ist der Fokus ein anderer: Materielles Wachstum bleibt auch in diesen Ländern ein Thema, weil noch längst nicht alle den angestrebten Wohlstand erreicht haben. Hier geht es zum einen darum, durch bessere Bildung, Ausbildung und Weiterbildung die Chancen zur Einkommenserzielung auch für diejenigen zu erhöhen, die sonst zurückzufallen drohen. Zum anderen ist eine kluge Verteilungspolitik gefordert, damit sich die Einkommensschere nicht zu weit öffnet und die Gesellschaft von dieser Seite her destabilisiert wird.

Von zentraler Bedeutung für eine langfristig nachhaltige Entwicklung ist deshalb das qualitative Wachstum, also ein Wachstum ohne zunehmenden Verbrauch natürlicher Ressourcen. Dazu tragen Verschiebungen in der Nachfrage (mehr Dienstleistungen statt mehr Waren) ebenso bei wie ein ressourcenschonender technologischer Fortschritt (z. B. Streaming statt D-Kauf). Dass das möglich ist,  zeigt die Entwicklung von Wirtschaftsleistung und Energieverbrauch in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt lag 2018 um knapp 40 Prozent höher als 1995, der Primärenergieverbrauch um 10 Prozent niedriger. Auch in anderen Bereichen haben sich Wirtschaftsleistung und Ressourcenverbrauch entkoppelt. Aber auf Dauer ist noch mehr Ressourceneffizienz erforderlich.

Deshalb rückt zunehmend die Circular Economy ins Blickfeld. Das zirkuläre Wirtschaftsmodell kann einen wichtigen Beitrag zum ressourcenschonenden Wachstum unter anderem durch die Wiederverwendung recycelter Rohstoffe leisten – idealerweise wird das bereits bei der Produktgestaltung mitgedacht. Darin liegen noch große, nicht ausgeschöpfte Potenziale. Um das Wirtschaften sowohl bei den Konsumentinnen und Konsumenten als auch bei den Anbietern von Waren und Dienstleistungen in eine nachhaltigere Richtung zu lenken, bedarf es gezielter, am besten international abgestimmter Anreize durch die Politik. Dass diese Themen inzwischen in der Breite der Gesellschaft angekommen sind, zeigt nicht zuletzt die Fridays-for-Future-Bewegung. Für die Länder mit hohem Einkommen geht es darum zu zeigen, dass auch quantitatives Wachstum mit weniger Ressourcenverbrauch möglich ist. Die dabei gewonnenen Erfahrungen sollten den aufholenden Ländern in Form von Know-how- und Technologietransfer zu angemessenen Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Gelingt das, könnten diese Länder Entwicklungsstufen überspringen und Wirtschaft und Wachstum frühzeitig auf eine ressourcenschonende Basis stellen. Davon profitieren alle. Angesichts der heutigen Verfassung der globalen Politik sind allerdings erhebliche Zweifel angebracht, ob sich eine solche Strategie umsetzen lässt. Der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen oder die Pläne, in Brasilien die Tropenwaldrodung auszuweiten, geben wenig Anlass zur Hoffnung.

Dennoch sollten wir nicht in dem Bestreben nachlassen, Wirtschaftswachstum sozial und ökologisch verträglicher zu gestalten. Denn vorzusorgen ist immer besser als Scherben aufzufegen. Am besten, wir wachsen richtig!

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