Prognos Logo Print
Detailansicht
Prognos trendletter | Dienstag, 05.11.2019

Innovation: mehr als Produktivitätsfortschritt

Innovationen bringen eine neue Qualität in das Wachstum. Sie wirken nicht allein auf die Produktivität, sondern auch auf gesellschaftliche und soziale Faktoren. In ökonomischen Kennzahlen aber sind sie kaum zu messen.

© iStock - Yuri Arcurs YAPR

Von Prognos-Experte Michael Astor

Der Innovationswettbewerb wird nicht nur zwischen und von Unternehmen ausgetragen, sondern auch auf der Ebene der Volkswirtschaften. Aktuell zeigen sich hierbei zwei gegenläufige Trends. Orte der Wissensproduktion entkoppeln sich von denen der Wertschöpfung, gleichzeitig rücken Forschung und Produktion in neuen Kombinationen zusammen: Ehemals günstige Produktionsstandorte engagieren sich in der Forschung, um größere Anteile der Wertschöpfung für sich zu beanspruchen. Staaten wie China oder Südkorea unternehmen enorme Anstrengungen, um ihre Wissensbasis auszubauen. Sie investieren, z. T. sehr fokussiert auf einzelne Forschungsfelder, hohe Summen in den Aufbau einer eigenständigen Wissenslandschaft, werben verstärkt um junge Talente und sichern das erworbene Wissen zunehmend über Schutzrechte ab. Damit stärken sie ihre Position im System der internationalen Arbeitsteilung.

Der Vergleich der Innovationsstärke von Volkswirtschaften wird häufig reduziert auf den Produktivitätsfortschritt, der sich mit diesen Innovationen erzielen lässt. Doch hier lassen sich zwei unerwartete Phänomene beobachten. Erstens der sog. Productivity Growth Slowdown: In den westlichen Ökonomien weist der Indikator „Produktivitätswachstum“ trotz gestiegener Anstrengungen und Investitionen in Forschung und Entwicklung eine rückläufige Tendenz auf. D. h. bezogen auf den Einsatz der Faktoren Kapital und Arbeit stellen wir im langjährigen Vergleich eine Verlangsamung fest – in Deutschland wie in anderen wichtigen Industrieländern. Zweitens das Produktionsparadoxon des Einsatzes digitaler Technologien: Die Digitalisierung stellt den Innovationsprozessen größere Rechenleistung und die Nutzung großer strukturierter und unstrukturierter Datenbestände bereit. Sie gibt der Innovation eine neue Qualität. Doch trotz intensiver Nutzung digitaler Technologien lassen sich die erwarteten Entwicklungssprünge in der Produktion und damit in der Wettbewerbsfähigkeit nicht beobachten. Die Produktivität nimmt in der Langfristperspektive nur noch in immer kleineren Schritten zu. Die Frage, ob sich diese Entwicklung fortsetzen wird, oder ob dies ein vorübergehendes Phänomen ist und mit der Nutzung der Digitalisierungspotenziale eine Trendwende zu erwarten ist, bildet den Kern volkswirtschaftlicher Debatten.

Auch in etablierten Branchen wie der Automobilproduktion deuten sich z. B. Wechsel in der Inno-vationsführerschaft an: Antriebe und Batterien für Elektrofahrzeuge werden nicht zwangsläufig von europäischen Unternehmen entwickelt und produziert, sondern häufig von neuen, oft branchenfremden Akteuren in den USA und China. D. h. nicht nur die Innovationsprozesse beschleunigen sich, gleichzeitig verbessern sich auch die Chancen für neue Akteure, an unterschiedlichen Stufen der Wertschöpfung einzusteigen. Hierdurch wird die weltweite Vernetzung von Forschungs- und Innovationshandeln radikal vorangetrieben. Im internationalen Wettbewerb ebenso wie in der Forschungsförderung kommen dabei unterschiedliche Perspektiven zum Tragen, die sich in den folgenden Fragen exemplarisch zeigen:

  • Technologien und ihre Diffusion: Welches Land hat eine geeignete Strategie zur Nutzung der Künstlichen Intelligenz?
  • Transfer und Kooperation: Wem gelingt es, die Schranken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu öffnen und damit Forschungsergebnisse schnell in neue Produkte zu überführen?
  • Humankapital und Bildung: Welche Region bindet die hoffnungsvollsten Talente an sich?
  • Nachhaltigkeit: Wer schafft es, Wirtschaft, Gesellschaft und Sozialsysteme angesichts des demographischen Wandels und aktueller Migration nachhaltig zu gestalten?

Damit wird deutlich: Innovationsaktivitäten verfolgen über eine Produktivitätssteigerung hinaus gehende Ziele, etwa die Verankerung von Nachhaltigkeitsprinzipien, die Entwicklung und Etablierung sozialer Standards oder qualitative Verbesserungen in der Versorgung von Kranken. Diese Ziele werden nicht unbedingt mit ökonomischen Kennziffern, sondern eher mit einer höheren Lebenszufriedenheit bemessen. Innovation führt in diesem Kontext zu einem gesellschaftlichen oder auch ökonomischen Fortschritt, muss sich dabei aber nicht notwendig in Wachstumskennziffern manifestieren.

In der Forschungspolitik hat sich konsequenterweise eine entsprechende Öffnung in einer stärke-ren Hinwendung zu einer missionsorientierten Politik etabliert. Diese rückt nicht mehr Technologien und ihre Entwicklungslinien in den Mittelpunkt, sondern gesellschaftliche, ökonomische oder klimapolitische Herausforderungen. D. h. es stehen vor allem solche Ziele im Vordergrund der Politikgestaltung, die den global challenges Rechnung tragen, wobei die Wege dorthin unterschiedliche Programm- und Förderansätze beinhalten können.

Der Wunsch nach Quantifizierung der Wirkungen der nationalen oder europäischen Forschungs- und Technologiepolitik ist allerdings ebenso stark ausgeprägt wie bei der Messung der Innovationsfähigkeit: Im Vordergrund der aktuellen Evaluationspraxis stehen Größen wie „neu geschaffene Arbeitsplätze“, „Umsätze mit neu entwickelten Produkten“, „zusätzlich gewonnene Exportanteile“ oder „neu angemeldete / erteilte Schutzrechte“. Angesichts veränderter Zielsetzungen stellt sich die Frage, ob diese Größen für die Erfolgsmessung missionsorientierter Förderansätze geeignet sind. Wenn nicht mehr ausschließlich (technologische) Produkte, mit denen zusätzliche Umsatz- und Exportanteile erzielt werden können, oder aber Produktivitätsfortschritte die messbaren Grö-ßen eines erfolgreichen Innovationsprojektes darstellen, wie bewerten wir dann den Erfolg der Innovations- und Technologiepolitik? Welchen Beitrag hat sie mit ihren Förderansätzen geleistet, wenn es uns gelingt die klimapolitischen Ziele zu erreichen, z. B. im Vergleich zu sozialen Innovationen und Verhaltensänderungen, die durch andere gesellschaftliche Initiativen stimuliert werden?

Die Investitionen in Forschung und Entwicklung am Anfang der Prozesskette sind inzwischen in Deutschland, Europa und vielen Staaten der Welt mit konkreten Zielmarken hinterlegt. Deutschland strebt derzeit danach, den Anteil von Forschung und Entwicklung am BIP auf 3,5 Prozent zu erhöhen. Erfolgreiches Innovationshandeln bemisst sich jedoch nicht am Input, sondern an den Wirkungen, die erzielt werden können. Diese sind gleichzeitig daran gekoppelt, dass wir der Forschung sowohl Freiräume einräumen als auch einen Fokus auf spezifische Technologien und Themen richten. Und letztlich müssen wir die Gestaltung von Transfer und Kooperation, die Entwicklung von Humankapital und Bildung sowie Aspekte der Nachhaltigkeit selbst zum Gegenstand unseres Innovationshandelns erheben.

undefinedZum trendletter-Magazin „Wachsen aber richtig“

undefinedDen trendletter abonnieren