Prognos Logo Print

Ansprechpartnerin

Felizitas Janzen

Pressekontakt
Tel.: +49 30 58 70 89 118
E-Mail: presse@prognos.com

Ansprechpartner

Dr. Michael Böhmer

Dr. Michael Böhmer

Partner | Chief Economist Corporate Solutions
Tel.: +49 89 95 41 586-701

Detailansicht
Prognos trendletter | Donnerstag, 07.05.2020

Kommunikation mit dem unbekannten Dritten

Hetzreden und Shitstorms bringen Social Media in Verruf. Weil dort jede und jeder alles zu allen sagen kann, braucht es eine neue Art der Kommunikation, die die Meinungsfreiheit auch im Netz in ihre demokratischen Schranken weist, sagt der Soziologe Professor Dr. Armin Nassehi im Gespräch mit dem trendletter.

© Hans-Günther Kaufmann

In der Demokratie ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut. Im Netz kann und darf jeder und jede sagen, was er oder sie denkt. Aber sind Social-Media-Kanäle deshalb demokratisch? Oder machen sie Diskussionen nicht einfach nur komplizierter und Konsens aussichtslos?
Nicht nur im Netz darf jeder und jede sagen, was er oder sie denkt. Das Netz ist ein Teil der Gesellschaft, allerdings ein Medium mit ganz eigenen Regeln. Das Problem der Meinungsfreiheit hat zwei Seiten: Die eine Seite ist, dass man Meinungsfreiheit nicht einschränken darf – sonst wäre es keine Meinungsfreiheit. Die andere Seite aber ist die Praxis, also der Umgang mit der Meinungsfreiheit. Es gibt eine lange Denktradition zu der Frage, inwiefern Freiheit nur möglich ist, soweit ich die Freiheit und die Rechte meines Gegenübers nicht einschränke. Frei zu kommunizieren setzt also gewisse Regeln und Habitus voraus. So reguliert sich mündliche Kommunikation durch die Anwesenheit des Gegenübers. Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmedien leben von Journalisten, also Gatekeepern, die für zivilisierte Kommunikationsverhältnisse sorgen sollen, übrigens damit man unterschiedliche Meinungen sicherstellen kann. Im Netz aber scheint es solche Schwellen nicht zu geben. Kommunikation ohne Gatekeeper, ohne das limitierende unmittelbare Gegenüber, zum Teil in anonymer Form, lässt Hemmschwellen sinken und Kommunikationsverläufe schnell erhitzen.

„Das Netz ist ein Teil der Gesellschaft, allerdings ein Medium mit ganz eigenen Regeln.“

Will man also Meinungsfreiheit im Netz sichern, müssen sich auch hier Regeln und Habitus ausbilden können, die die Kommunikation zivilisieren. Denn das Demokratische an der Meinungsfreiheit ist gerade nicht die unkontrollierte Meinungsäußerung, sondern ihre zivilisierte Form.

Welche Systeme oder Menschen (über)fordert das besonders?
Die einfache Antwort wäre: derzeit fast alle, aber auf unterschiedliche Weise. Allein die Schnelligkeit der Kommunikation macht es etwa für politische Akteure heute schwerer, Entscheidungszeit zu bekommen. Auch Unternehmen müssen viel schneller reagieren. Und private Nutzer werden mit so viel Informationen konfrontiert, dass es kaum mehr möglich ist, das Relevante vom Irrelevanten zu unterscheiden. Wie bei allen Medienrevolutionen dauert es seine Zeit, bis Strukturen dafür sorgen, dass wir uns besser in ihnen bewegen können.

Und sollte uns dieser Zustand Sorgen machen? Gefährdet er gar unsere Demokratie?
Es ist zumindest eine Herausforderung für öffentliche Debatten, nicht zuletzt wegen der neuen Manipulationsmöglichkeiten, der Verbreitung von Lügen, des Drucks durch Shitstorms etc. Eine Gefahr für die Demokratie sehe ich nicht, aber eine Herausforderung für manche demokratischen Prozeduren.

Gibt es Möglichkeiten, darauf zu reagieren? Wenn ja: Wer kann oder sollte es tun?
Zum einen müssen rechtliche Möglichkeiten geprüft werden, wie man das geltende Recht auch im Netz durchsetzen kann und ob es zusätzlich womöglich speziell für das Netz zugeschnittene rechtliche Formen braucht. Aber es ist auch eine ganz praktische Frage von Anbietern, von Plattformen, von moderierten Angeboten zur Durchsetzung von Netiquette, von Kommunikationsregeln, zum Teil mit der Folge des Ausschlusses bei Nichtbeachtung. Solche Formen gibt es ja. Und man sollte nicht so tun, als würde Kommunikation im Netz nicht auch sehr positive Folgen haben. Im Netz kann man sich auch hervorragend informieren, es gibt niedrigschwellige Möglichkeiten, an Diskursen teilzunehmen, und es gibt neue Arten von Publikationen. All das gelingt nur, weil kreative Leute sich darum gekümmert haben, hier Formen zu etablieren, die sich bewähren können.

„Die Komplexität der modernen Gesellschaft  führt auch dazu, dass Lösungen niemals mehr die einfache Form annehmen können, die viele gerne hätten.“

Sechs der Unwörter des Jahres aus den 2010er-Jahren stammen aus der Migrationsdebatte (Anm. d. Red.: Döner-Morde, Sozialtourismus, Lügenpresse, Gutmensch, Volksverräter, Anti-Abschiebe-Industrie). 2019 kam der Klimawandel hinzu mit dem Unwort „Klimahysterie“. Warum polarisieren ausgerechnet diese Themen? Das Gemeinsame dieser Themen besteht in einer merkwürdigen Kombination von angeblichem Kontrollverlust und Eliteversagen. Die Komplexität der modernen Gesellschaft führt auch dazu, dass Lösungen niemals mehr die einfache Form annehmen können, die viele gerne hätten. Deshalb bieten sich diese Themen so sehr zur Polarisierung an, wobei es gar nicht in erster Linie eine Polarisierung zwischen unterschiedlichen Lösungen ist, sondern zwischen realistischen, machbaren, pragmatischen Lösungen und der Illusion der Einfachheit.

Im Internet finden sich wissenschaftliches fundiertes Wissen, aber auch Zweifel und Falschinformationen. Wenn es dabei um die angebliche Nicht-Existenz der Stadt Bielefeld geht, mag das noch lustig sein, bei Gerüchten zum Coronavirus oder Klimawandel wird es schnell ernst. Haben die Menschen das Vertrauen in Experteninformationen verloren? Wir leben in einer Kultur immer stärkerer Symmetrisierungen: Jede und jeder darf und soll zu allem und zu jeder Zeit etwas sagen dürfen. Das setzt Expertise ziemlich unter Druck. Wahrscheinlich ist die unglaubwürdigste Figur für manche heute der kompetente, mittelalte, heterosexuelle weiße Mann in Führungsposition. Ich behaupte nicht, dass dieser Typus immer recht hat, selbstverständlich nicht. Aber im Netz und der entfesselten Kommunikation der Gegenwart wird die Pose, die ästhetisierbare Form, die Sprecherposition mindestens genauso wichtig wie das gute, gar das bessere Argument. Das lässt sich vor allem im Netz besonders gut beobachten, wo tatsächlich alle alles zu allem kommunizieren können und kommunizieren.

Interessant ist, dass im Rahmen der Coronakrise Expertise wieder an Relevanz gewinnt – vielleicht, weil hier beim besten Willen nur die Dümmsten behaupten können, einer der üblichen Verdächtigen sei schuld daran: der Kapitalismus, die Flüchtlinge, das internationale Judentum, der Multikulturalismus oder die westliche Dekadenz – wobei, manche solcher Sätze hört man schon, aber sind noch lächerlicher als sonst.

„Das Netz ist ein Medium, das sehr wohl zu neuen Lösungshorizonten beitragen kann. Das Netz ist Problem und Lösung zugleich.“

Sofern man Ihrer Ansicht nach von einer Vertrauenskrise sprechen kann: Wie schlimm steht es um uns? Und vor allem: Wie kommen wir da wieder raus? Es steht nicht schlimm um uns, aber wir befinden uns in einer Situation, in der neue Formen gefunden werden müssen – in der Politik, bei Entscheidungsfindungen etc. Ich bin davon überzeugt, dass wir eine neue, vernetzte Praxis brauchen, Leute an einen Tisch zu bekommen, die normalerweise nicht zusammenhocken. Wie kann man ökonomische, politische, wissenschaftliche, rechtliche Expertise so aufeinander beziehen, dass neue Lösungshorizonte entstehen? Daran muss man arbeiten – und das geschieht auch. Das Netz ist ein Medium, das dazu sehr wohl beitragen kann. Das Netz ist Problem und Lösung zugleich.

Zuletzt: Sie selbst twittern und setzen sich auch schon einmal argumentativ mit Rechtspopulisten auseinander. Was ist Ihre Motivation? Zusammenhalt durch Diskurs? Das Interessanteste an der Kommunikation in sozialen Netzwerken ist ja, dass man nicht nur mit dem Gegenüber kommuniziert, sondern für Dritte und vor Dritten. Wer im Netz kommuniziert, rechnet mit mehr oder weniger unsichtbaren Dritten, die mitbeobachten. Das strukturiert die Kommunikation in den sozialen Netzwerken sehr stark – und das muss man entsprechend einsetzen.

undefinedZum trendletter-Magazin „Zusammenhalt – der Kitt für unserer Gesellschaft“

undefinedDen trendletter abonnieren