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trendletter Magazin | Mittwoch, 20.05.2020

Streiten für Zusammenhalt

Die deutsche Gesellschaft drifte immer unversöhnlicher auseinander, heißt es. Dabei ist gerade in Zeiten der Not der Wunsch nach Zusammenhalt besonders groß. Lesen Sie dazu den trendletter-Artikel unserer Kollegin Cordula Klaus.

© stocksy - Martí Sans

Von Prognos-Expertin Cordula Klaus

Die Menschen in Deutschland stehen, wie die Menschen in vielen Staaten dieser Welt, vor der Herausforderung, der aktuellen Pandemie wirkungsvoll und solidarisch zu begegnen. Die realen Einschränkungen führen zu einer ambivalenten Situation: Das Pflegen persönlicher Kontakte wird im direkten Austausch eingeschränkt. Gleichzeitig sind diese Kontakte zum Beispiel für Alte und Alleinstehende entscheidend, um die Probleme des Alltags zu lösen. Doch es scheint zu gelingen, diese Ambivalenz aufzulösen.

Die Diagnose vor der Corona-Pandemie: Zwei Drittel der Befragten sahen den gesellschaftlichen Zusammenhalt als eher schwach oder sehr schwach an. So eine Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag von Prognos im Winter 2019 durchgeführt hat. Während der Pandemie: Nachbarn helfen sich aus. Jugendliche gehen für ihre Großeltern einkaufen. Man dankt denen, die in systemrelevanten Berufen ihren Dienst tun und ruft zur Rettung von Gastronomie, Kultur und Einzelhandel auf.

Was verbindet die Menschen einer Gesellschaft und was trennt sie? Wissenschaftlichen Definitionsansätzen ist gemein, dass Zusammenhalt die Qualität des Miteinanders in einem Gemeinwesen beschreibt. Hervorgehoben werden zum Beispiel

  • belastbare soziale Beziehungen, die von Vertrauen und Diversitätsakzeptanz gekennzeichnet sind,
  • eine positive Verbundenheit mit den Mitmenschen, das heißt, dass man sich mit diesen identifiziert, sich gerecht behandelt fühlt und den Institutionen vertraut, und
  • eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung, die durch Solidarität, die Bereitschaft zur gesellschaftlichen Teilhabe und Anerkennung der gemeinsamen Regeln geprägt ist.

Die Befragungsergebnisse zeigen: Wichtig für den Zusammenhalt ist in der Wahrnehmung der Bevölkerung das Teilen und Leben einiger zentraler Werte. Dabei spielen soziale Nähe und Solidarität eine große Rolle. Außerdem erhalten strukturelle Aspekte – etwa die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe oder der Zugang zu Bildung – eine besondere Bedeutung. Die verbreitete Annahme, dass eine zunehmende Vielfalt von Kulturen, Werten und Lebensstilen den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächt, bestätigt sich hingegen nicht.

In Detailanalysen offenbart sich aber ein irritierendes Paradoxon: Die Mehrheit der Befragten legt großen Wert auf eine gerechte, soziale und solidarische Welt und sieht diese im persönlichen Umfeld gewährleistet. Viele sind ehrenamtlich tätig und verfügen über ein gutes und ausgeprägtes soziales Netzwerk. Anders bewerten sie dagegen die Situation der Gesellschaft. Aus Sicht der Befragten dominieren dort Materialismus und Egoismus. Wie erklärt sich dieses Paradoxon? Zu nennen sind im Besonderen zwei Aspekte:

  1. Der sozioökonomische Status und das Bildungsniveau wirken sich auf die Wahrnehmung des Zusammenhalts aus. Dabei spielen nicht nur die tatsächlichen Einkommens- und  Vermögensverhältnisse der Befragten eine wichtige Rolle. Bereits das Gefühl ungerechter  Behandlung bzw. mangelnder Chancengleichheit reicht aus, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt infrage zu stellen. So geben Menschen, die sich subjektiv arm fühlen, dies aber nach objektiven Kriterien nicht sind, häufig ähnliche Einschätzungen ab wie die tatsächlich in Armut Lebenden.

  2. Eine geringe politische und gesellschaftliche Teilhabe und mangelndes Vertrauen in die demokratischen Institutionen wirken sich ebenfalls negativ aus. Konstatiert wird eine geringe Bürgernähe der Politik. Diese Menschen verlieren häufig das Interesse am politischen und gesellschaftlichen Engagement, da ihnen die positive Erfahrung fehlt, etwas bewirken zu können. Dies geht so weit, dass sich einzelne Bevölkerungsgruppen „unsichtbar“ fühlen (More in Common 2019). In den ersten Wochen des Lebens mit der Corona-Pandemie ist zu beobachten, dass die Solidarität in den kleinen Netzwerken funktioniert und als Impuls auf die gesamtgesellschaftliche Ebene auszustrahlen scheint. Die betroffenen Länder Westeuropas rücken als Gesellschaften zusammen und bringen den Einschränkungen des privaten und beruflichen Alltags eine hohe Toleranz entgegen.

Fazit: Die mehrheitlich geteilten Werte Solidarität und soziale Nähe sowie der Wunsch nach mehr Zusammenhalt benötigen eine Diskursebene in der Politik, um Wege eines engagierten Austausches hierzu zu finden. Offenkundig ist es in der aktuellen Situation gelungen, politische Entscheidungen zu erklären, solidarisches Handeln zu bewirken und Partikularinteressen zu überwinden. Dies schafft die Grundlage für akzeptierte und nachhaltige Lösungen. Ob dieser Weg für weitere Zukunftsfragen unseres  Sozialstaates beschritten wird, zum Beispiel für den Arbeitsmarkt, das Rentensystem, die Energie- oder Verkehrswende, bleibt abzuwarten

Neben dem Verständnis für Maßnahmen in einer gesamtgesellschaftlichen Krisensituation braucht es Möglichkeiten der Teilhabe. Der offene Austausch und die freie Meinungsäußerung ohne Anfeindungen benötigen wiederum Befähigung durch Bildung. Auch und gerade in Zeiten, in denen die Vermittlung von Bildung und Werten medial neu gedacht werden muss.

Bei allen realen Konflikten: Die Wahrnehmung des Zusammenhalts in unserer Gesellschaft ist schlechter als die soziale Realität. Wichtig ist, diese Wahrnehmungslücke zu schließen und den sozialen Zusammenhalt in einem streitbaren Miteinander zu stärken.

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