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trendletter Magazin | Dienstag, 11.08.2020

Kultur und Zusammenhalt in ländlichen Regionen

Hochkultur stiftet Identität, aber Breitenkultur schafft Pluralität – das hat auch die Politik begriffen. Eine moderne Kulturpolitik kann den Zusammenhalt fördern und ist heute wichtiger denn je.

©iStock-ti-ja

Von Prognos-Mitarbeiter Roman Bartuli

Mit einem Flächenanteil von knapp 90 Prozent ist Deutschland, das Land der großen Dichter und Denker, vor allem eins: ländlich. Über die Hälfte der Bevölkerung hat ihren Lebensmittelpunkt auf dem Land. Die verklärte Vorstellung vieler Städterinnen und Städter vom Leben im ländlichen Idyll aber, ist längst einem anderen Bild gewichen. Einem, das gemeinhin von Armut, Bildungsabwanderung und Überalterung erzählt. Denn hier kumulieren die Effekte des demografischen Wandels, wirken auf die Strukturschwäche (prekärer) ländlicher Regionen und prägen die Realität von Menschen mit all ihren Konsequenzen für das private und öffentliche Leben. Die zunehmende politische Polarisierung keimt und gedeiht nicht zuletzt im Nährboden dieser gesellschaftlichen Verhältnisse.

Kultur nimmt in diesen Regionen eine wichtige Funktion ein – sie ist Gegenstand und Anlass für zwischenmenschliche Begegnung, Medium für soziales Vertrauen und Ausdruck zivilgesellschaftlichen Engagements. Doch gerade in ländlichen Regionen sind die Ausgangsbedingungen und Möglichkeiten einer breiten kulturellen Teilhabe besonders schwierig: Der demografische Wandel beeinflusst die Bevölkerungsdichte und damit einen zentralen Faktor für Bestand und Vielfalt kultureller Angebote – je geringer die Bevölkerungsdichte, desto geringer folglich das Kulturangebot. Der demografische Wandel verändert aber auch die Bevölkerungsstruktur und damit die gesellschaftliche Mitte, aus der kulturelles und ziviles Engagement in der Regel erwächst.

Die Folgen des Strukturwandels und das Bewusstsein um seine Konsequenzen sorgen für Bewegung im Selbstverständnis der Kulturpolitik. Über Jahrzehnte war Kulturpolitik vor allem Stadtpolitik. Gefördert wurden die großen Künstlerinnen und Künstler sowie Kultureinrichtungen der deutschen Metropolen. Förderwürdig, so schien es, war in erster Linie die Hochkultur und damit ein sozial höchst selektives Angebot, das zuvörderst höhere Bildungsschichten erreichte. Erst seit kurzer Zeit wendet sich das Interesse der Kulturpolitik hin zum Land und damit zur Breitenkultur. Dabei steht der Begriff stellvertretend für verschiedene Merkmale: das individuelle Interesse an Kunst und Kultur, die eigene künstlerische Betätigung sowie das zivile Engagement in diesen Bereichen. In ihren unterschiedlichen Facetten ist Breitenkultur damit vor allem auch Ausdruck bürgerlichen Verantwortungsbewusstseins, das Gemeinwohl, demokratische Werte und die Pluralität der Gesellschaft respektiert und bewahrt.

Wer eine moderne Kulturpolitik gestalten will, muss daher gezielt die Strukturen fördern, die zu einer gelebten Breitenkultur beitragen. Das schließt Laienspielgruppen und Kulturvereine ebenso ein, wie Einzelpersonen und solche, die anderen den Weg in die Kultur bereiten. Sie alle stoßen wichtige  Veränderungsprozesse in ländlichen Regionen an. Auch die Brauchtumspflege kann eine Chance bieten, sofern sie sinnvoll bespielt wird. Besonderes Augenmerk gilt auch den Kultureinrichtungen vor Ort. Sie sollten in der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützt und als kulturelle Intermediäre gestärkt und modernisiert werden. Die Übergangsgestaltung von am Hergebrachten festhaltender Institution zum zeitgemäßen Kultur- und Begegnungsort stellt dabei eine Herausforderung dar. Gleichzeitig bietet sie eine Chance zur Beförderung von Breitenkultur. Hier braucht es schlüssige Konzepte und Gelegenheiten, dafür wie Erfahrungen, Ideen und Strategien ausgetauscht werden können.

Im Zuge der Coronakrise ist das Kulturleben in Stadt und Land weitgehend zum Erliegen gekommen. Die wirtschaftlichen Folgen für Künstlerinnen und Künstler, aber für auch kulturelle Einrichtungen sind dramatisch und bedrohen Existenzen. Gleichzeitig sinken in den Kommunen die Steuereinnahmen und beschneiden das finanzielle Aktionsfeld empfindlich. Dabei ist das gemeinsam Erleben von Kultur nach  der Krise wichtiger denn je. Mit einem flächendeckenden Förderfond für die Sicherung von Kulturorten in Stadt und Land etwa muss die Kulturfinanzierung gesichert werden – und damit die so zwingend notwendige kulturelle Infrastruktur in Städten und Kreisen.

Während Hochkultur Identität stiftet, schafft Breitenkultur Pluralität. Und damit eine notwendige Bedingung gegen die Entsolidarisierung und für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Durch eine gezielte Förderung von Breitenkultur in ländlichen Regionen entsteht nicht nur ein neues und vielfältiges Kulturangebot, sondern das Fundament für kulturelle Teilhabe.

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