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trendletter Magazin | Freitag, 31.07.2020

Wohnungs(bau)politik – Zeit für die Kehrwoche

Fehlender oder nicht bezahlbarer Wohnraum in vielen Teilen des Landes gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In den angespannten Ballungsräumen wird die Kluft zwischen versorgten „Insidern“ und wohnraumsuchenden „Outsidern“ immer größer. Ein schleichender Prozess der Segregation nach Einkommen und der Verdrängung breiter Gruppen des Mittelstands findet statt.

©AdobeStock-spql

trendletter-Artikel von Prognos-Experte Tobias Koch

Bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen, ist in vielen Teilen des Landes zu einer großen gesellschaftlichen Herausforderung geworden. Allein zwischen 2011 und 2017 – das belegen Berechnungen von Prognos – wurden in Deutschland 720.000 Wohnungen zu wenig gebaut. Durch den deutlichen Zuzug und Bevölkerungsanstieg (2011-2018: 2,6 Mio. Einwohner) ist die Wohnungsnachfrage der Erweiterung des Wohnungsangebotes weit davon geeilt. Der Engpass betrifft nicht nur hippe Großstädte. Er zieht sich tief in das Umland der Ballungsräume und hat vor allem in Süddeutschland längst auch stark ländliche Regionen erreicht.

Was das für die Menschen in den betroffenen Regionen bedeutet, wird weder von der Politik noch in der öffentlichen Debatte ausreichend wahrgenommen. Marktanspannung und steigende Preise bewirken eine „Umverteilung“ und schleichende soziale Segregation nach Einkommen. Alteingesessene Selbstnutzende von Wohnraum, die Immobilien geerbt haben oder während entspannter Marktphasen erwerben konnten, stehen zuziehenden Wohnungssuchenden und jungen Familien gegenüber. Gerade für junge Menschen wird es zunehmend schwer, Wohnungen nah am Arbeitsplatz zu mieten oder zu erwerben. Und es verschärft sich der Konflikt zwischen Menschen mit unterschiedlichem Einkommen. Haushalte mit geringem Einkommen und ohne Wohneigentum, sind in den angespannten Wohnungsmärkten die großen Verlierer des Immobilienbooms.

Die Herausforderungen sind immens, die Probleme von Staat und Kommunen im Zusammenspiel mit der Wirtschaft weitgehend selbst verursacht. Durch die nachlassende Neuausweisung von Wohnbauflächen sowie die Aktivierung von Brachen und Baugrundstücken durch die Kommunen lässt sich mit einem langfristigen Planungs- und Genehmigungsvorlauf kurzfristig keine schnelle Umkehr der Erweiterung des  Wohnungsangebotes erreichen. Statt kurzfristigen und hektischen Maßnahmen ist vielmehr die Konstanz und Beständigkeit in der Wohnungspolitik des Bundes und der Länder eine zwingende Voraussetzung für einen verlässlichen Förder- und Handlungsrahmen der Marktakteure. Denn Wohnungen werden für Generationen gebaut!

Neu ist: Es fehlt nicht nur an bezahlbarem Wohnraum im Bestand. Es fehlt für den Wohnungsneubau und die Angebotserweiterung vor allem kurzfristig bebaubares Wohnbauland. Neben der stärkeren interkommunalen Verzahnung der Siedlungsentwicklung mit der Verkehrs- und sozialen Infrastrukturplanung kommt es auf die konsequente und langfristig ausgerichtete aktive Baulandpolitik an. Statt kurzfristig bebaubare Grundstücke nach dem Höchstpreisverfahren auf den Markt zu werfen und den Preisauftrieb von kommunaler Seite weiter zu beschleunigen, braucht es dämpfende Instrumente mit gezielter Konzept- und Zielgruppenausrichtung auf bezahlbare Segmente. Die Novellierung des BauGB geht u. a. mit der Stärkung von Vorkaufsrechten, Baugeboten für die Kommunen sowie dem Erbbaurecht generell in die richtige Richtung. Es kommt auf die zeitnahe und zielgerichtete Umsetzung durch die Städte und Kommunen an. Städtebauliche Planungen müssen mit aktiver und langfristiger Bodenpolitik verknüpft werden, um Wohnungsmärkte zukunftsorientiert und bedarfsorientiert weiterzuentwickeln bzw. zu gestaltelten.

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