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trendletter Magazin | Mittwoch, 19.08.2020

Der andere Blick auf die Bahn

Wer kennt nicht die Geschichten über Verspätungen, Zugausfälle, fehlende Informationen, defekte WCs? Die Bahn ist immer für eine Story gut. Klar, 76 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr sind kein guter Wert. Aber, die Bahn, das dysfunktionale Unternehmen?

©AdobeStock_kasto

Von Prognos-Experte Hans-Paul Kienzler

Ihrem schlechten Image stehen die großen Erwartungen an die Bahn von Politik und Gesellschaft gegenüber. Bereits im Koalitionsvertrag der Großen Koalition war ein klares Bekenntnis zum Ausbau der Bahn enthalten. Und das zu Recht. Alle Analysen von Expertinnen und Experten zeigen: Die Bahn wird gebraucht – in Zukunft mehr denn je. Individuelle  Reisewünsche müssen vermehrt vom öffentlichen Verkehr bedient werden, um den Verkehrsinfarkt auf Autobahnen und in Städten zu vermeiden. Auch die Klimaziele im Verkehrssektor sind nur zu erreichen, wenn ein größerer Anteil der Reisenden Bahn fährt, Güterverkehr auf die Schiene verlagert wird. Denn der Bahnstrom kann mit überschaubaren Mitteln treibhausgasneutral gemacht werden. Bereits heute werden ca. 60 Prozent des Strombedarfs der Deutschen Bahn aus erneuerbaren Quellen gedeckt – eine Quote, von der der Individualverkehr auf der Straße noch Lichtjahre entfernt ist.

Soll die Bahn den Erwartungen gerecht werden, braucht sie vor allem:

  • eine Digitalisierungsoffensive in der Leittechnik zur Erhöhung der Kapazität
  • zusätzlichen Kapazitätsausbau des Schienennetzes und den Wiederaufbau von zusätzlichen Ausweichgleisen
  • Modernisierung und Kapazitätserweiterungen des Fahrzeugparks
  • Verbesserungen des Service und der Kundenfreundlichkeit
  • weitere Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien am Bahnstrom

Im Januar 2020 haben Bahn und Bundesregierung sich auf ein Investitionspaket von 86 Milliarden Euro für die Schiene geeinigt. In den nächsten zehn Jahren stehen somit 54 Prozent höhere Mittel zur Verfügung als in den letzten fünf Jahren. Allerdings ist noch keineswegs sicher, dass die Bahn rasch „die PS auf die Schiene“ bringen kann, denn Investitionen in komplexe Infrastruktur erfordern umfassende Planung. Die Politik ihrerseits muss den Absichtserklärungen Taten folgen lassen und die Finanzierung sichern. Dann könnte sich einstellen, wovon man heute vielleicht nur zu träumen wagt: Dass auch im Fernverkehr mindestens neun von zehn Zügen pünktlich, und die meisten Orte in Deutschland mit der Bahn schneller und besser verbunden sind als mit dem Auto. Das Beispiel Schweiz zeigt, dass mit einer nachhaltigen Investitionspolitik eine Bahn auch zur nationalen Identität beitragen kann. In der Schweiz gibt es einen Konsens, dass möglichst viele Reisen mit der Bahn unternommen werden. Und man ist sich bewusst, dass dies auch die Steuerzahlerinnen und -zahler sehr viel Geld kostet: So wurden unsere Schweizer Nachbarinnen und Nachbarn „Europameister im Bahnfahren”. Statistisch fuhr jeder Schweizer und jede Schweizerin 2016 im Durchschnitt 72-mal und damit doppelt so häufig, wie die Menschen aus allen anderen europäischen Ländern.

Und wir Bahnfahrenden? Wir dürfen uns über die niedrigeren Ticketpreise freuen und sollten fair vergleichen, ob wir mit dem Auto wirklich planbarer, sicherer und umweltfreundlicher angekommen wären. Vielleicht wird die Bahn bis zum Jahr 2030 wirklich ein leistungsfähiges und modernes Mobilitätsunternehmen, auf das man in Deutschland stolz ist - und das Menschen in ganz Europa verbindet.

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