Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gerät zunehmend unter finanziellen Druck: Die Ausgaben übersteigen dauerhaft die Einnahmen, eine strukturelle Finanzierungslücke entsteht. Ohne Reformen steigen die Beitragssätze. Mit dem Referentenentwurf des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (GKV-BStabG) vom 16.04.2026 plant das Bundesgesundheitsministerium (BMG) eine Stabilisierung der Finanzen – unter anderem mit dem sogenannten dynamischen Herstellerabschlag für Arzneimittel. Für den Zeitraum 2027 bis 2030 erwartet das BMG dadurch kumulierte Einsparungen von rund 12 Milliarden Euro.Für den Fortschrittsdialog Gesunde Industriepolitik analysiert Prognos in einem laufenden Projekt die Reformvorschläge der Finanzkommission Gesundheit des Bundesministeriums für Gesundheit und analysiert die Auswirkungen auf den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland. In diesem ersten Policy Brief steht der dynamische Herstellerabschlag im Mittelpunkt.Hintergrund: Der dynamische HerstellerabschlagDer dynamische Herstellerabschlag verpflichtet Pharmaunternehmen zu einem jährlich neu berechneten Rabatt auf Arzneimittelpreise. Zusätzlich zum bisher gültigen festen Abschlag in Höhe von sieben Prozent soll eine jährliche Anpassung variabel gestaltet werden. Ziel ist es, die Ausgaben der Krankenkassen kurzfristig zu senken und so zur Stabilisierung der GKV-Finanzen beizutragen.Entlastung für die GKV, Risiken für den Standort?Der dynamische Herstellerabschlag kann die GKV-Ausgaben senken, zugleich aber Unternehmensgewinne, Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge mindern – entsprechende fiskalische Rückkopplungseffekte werden im Gesetzentwurf nicht berücksichtigt. Die tatsächliche Entlastung des öffentlichen Gesamthaushalts kann geringer ausfallen, als es eine isolierte Betrachtung der GKV-Einsparungen nahelegt.Jährlich neu berechnete Abschläge könnten die Planbarkeit für Investitionen und Markteinführungen beeinträchtigen und damit Unsicherheiten erhöhen.Erfahrungen im Vereinigten Königreich und Japan zeigen, dass ein volatiles Preisregime zu Rückgängen bei F&E-Investitionen, klinischen Studien und der Verfügbarkeit neuer Arzneimittel führen kannÜber das internationale Referenzpreissystem besteht das Risiko einer globalen Erlöserosion mit Rückwirkungen auf F&E-Budgets. Die Markteinführung von innovativen Arzneimitteln in Deutschland kann dadurch verzögert werden.Geopolitische Faktoren wie mögliche US‑Importzölle auf patentgeschützte Arzneimittel könnten die Rahmenbedingungen für den Pharmastandort Deutschland zusätzlich verschärfen.Einem bis 2030 vergleichsweise überschaubaren Einsparvolumen stehen damit langfristige Risiken für den Forschungsstandort, die Versorgungssicherheit und die Innovationsdynamik gegenüber.Die Szenariorechnungen verdeutlichen, wie sich der dynamische Herstellerabschlag langfristig entwickeln könnte. Unter verschiedenen Annahmen zur Einnahmen- und Ausgabendynamik würde der zusätzliche Abschlag bis 2040 Werte zwischen gut 14 Prozent (bei hoher Einnahmen- und geringer Ausgabendynamik) und mehr als 80 Prozent (bei niedrigen Einnahmen und hohen Ausgaben) erreichen. Unter den Grundannahmen des Gesetzentwurfs (4,1 Prozent jährliches Einnahmenwachstum, 6,2 Prozent auf der Ausgabenseite) steigt der Abschlag bis 2040 auf 43,2 Prozent.Der Policy Brief plädiert für eine Reformstrategie, die fiskalische Konsolidierung strukturell breiter ansetzt.Links und Downloads Zum Policy Brief (PDF)Stand: 05.06.2026 Haben Sie Fragen? Ihr Kontakt bei Prognos Dr. Oliver Ehrentraut Partner, Direktor, Leitung der volkswirtschaftlichen Abteilung Profil ansehen Markus Hoch Senior Projektleiter Profil ansehen