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Erneuerbare Energien

Experten-Interview: Offshore-Windenergie

Kategorie

Studien & Projekte

Datum

26. Januar 2021

„Viele Entwicklungen klangen noch vor wenigen Jahren wie Utopien. Heute sind sie bereits Realität.“
Paul Wendring, Projektleiter

Vor welchen Herausforderungen die Offshore-Windindustrie steht, warum Offshore-Windparks die Großprojekte der Energiewirtschaft sind und wie der Blick auf die Nord- und Ostsee zukünftig aussieht, erläutern Prognos' Offshore-Energieexperten Paul Wendring und Leonard Krampe im Interview.

Unter all den erneuerbaren Energien befasst du dich hauptsächlich mit der Offshore-Windenergie. Wie kam es dazu und was motiviert dich tagtäglich bei deiner Arbeit?

Leonard Krampe: Bei der Offshore-Windenergie kommen zwei Dinge zusammen: Große Maschinen und die raue Umgebung auf hoher See. Die Kombination ist für einen Ingenieur wie mich natürlich faszinierend. Dazu kommt das international geprägte sehr dynamische Marktumfeld. Es hat einen besonderen Reiz jeden Tag die Offshore-News wie eine Zeitung aufschlagen zu können. Viele Entwicklungen bei Anlagengrößen und Kosten klangen noch vor wenigen Jahren wie ferne Utopien. Heute sind sie bereits Realität – diese Entwicklungen am Energiemarkt aktiv mitzugestalten und durch unsere Arbeit die Energiewende voranzutreiben motiviert mich.

Offshore-Windparks werden auch als die Großprojekte der zukünftigen Energiewirtschaft bezeichnet – was verbirgt sich dahinter?

Paul Wendring: Die Errichtung von Offshore-Windparks ist mit hohem Aufwand verbunden. Alle Anlagen und Teile müssen weit vor die Küste transportiert und dort auf teils schwierigem Grund und unter widrigen Bedingungen auf dem Meeresboden errichtet werden. Dazu benötigt es spezielle Errichterschiffe, von denen es nur wenige auf der Welt gibt und für die die Eigner natürlich hohe Nutzungsgebühren verlangen.

Auch die Verlegung der Kabel für die Stromanbindung an Land ist aufwendig. Das Ganze lohnt sich also umso mehr, je größer die einzelnen Anlagen und je größer auch die Gesamtleistung des Windparks ist. Man spricht hier von Skaleneffekten. Für jeden einzelnen der in den nächsten zehn Jahren in Deutschland errichteten Offshore-Windparks bedeutet das Investitionskosten in einer Größenordnung zwischen 1,5 und 2 Milliarden Euro – und das noch ohne die erforderliche Netzanbindung. Solche Investitionen sind naturgemäß eher etwas für große Akteure, wie beispielsweise die bekannten Energieversorger. Diese Unternehmen haben bereits Erfahrung mit Bau und Betrieb von Großkraftwerken und Offshore-Windparks sind für sie ein attraktives Geschäftsfeld für die Zukunft.

Der Ausbau der Windparks bringt nicht nur regenerative Energie hervor, sondern auch Herausforderungen mit sich. Worin bestehen aktuell die größten Herausforderungen für die Offshore-Windindustrie in der Nord- und Ostsee?

Leonard Krampe: Für die Zukunft der Technologie in Deutschland sehe ich derzeit zwei große Herausforderungen: Platz und Vernetzung. Zu Beginn der Idee Windenergie auf dem Meer zur Stromerzeugung zu nutzen, ging man nicht davon aus, bezüglich der Fläche oder auch der Ressource Wind selbst an Grenzen zu stoßen. Ganz alte Schätzungen von Prognos enthielten für den näheren Küstenbereich der deutschen Nordsee ein Gesamtpotenzial von acht Gigawatt. Das war lange bevor die erste Offshore-Windturbine in Betrieb ging. Nun sprechen wir von über 40 Gigawatt bis 2040 und bis 2050 werden in verschiedenen Szenarien zur Erreichung der Klimaziele sogar Gesamtleistungen von 70 oder 80 Gigawatt vorgesehen.

Die Deutsche Nordsee ist jedoch gar nicht so groß und leer wie man vielleicht denken könnte. Neben der Offshore-Windenergie gibt es viele konkurrierende Nutzungsansprüche. Und selbst wenn Platz gefunden wird, zeigen neueste Forschungen, dass auch die Ressource Wind selbst nicht unendlich verfügbar ist. Die Errichtung von 70 oder 80 Gigawatt Erzeugungsleistung in der begrenzten Fläche der deutschen Nordsee würde höchstwahrscheinlich zu Einbußen im Stromertrag der einzelnen Anlagen führen. Sie nehmen sich ein Stück weit gegenseitig den Wind weg. Außerdem muss der Strom auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen. Und die bleiben weiterhin an Land. Die Netzanbindung wird deshalb auch in Zukunft eine große Herausforderung bleiben. Nicht nur in technischer, sondern auch in organisatorischer Hinsicht. Denn im Zuge des weiteren intensiven Ausbaues auch in den Nachbarstaaten sind zunehmend Europäische Lösungen gefragt.

Die Ostsee- und Nordsee sind beliebte Urlaubsziele. Was bedeutet eine Erhöhung des Ausbauzieles für die Nord- und Ostseeurlauber und -urlauberinnen – blicken diese in Zukunft vermehrt auf Offshore-Windparks statt auf das offene Meer?

Paul Wendring: Diese Sorge habe ich derzeit nicht. In Deutschland hat man schon früh auf ausreichend großen Abstand zur Küste geachtet. Allein schon zum Schutz des Nationalparks Wattenmeer, der sich ja über einen großen Teil der Nordseeküste erstreckt. Es ist derzeit nicht in Planung die Windparks weiter an die Küste heranzurücken. Im Gegenteil werden die zukünftigen „Riesenparks“ in Entfernungen von mehr als 100 km von der Küste errichtet werden. Das bringt Herausforderungen bei der Netzanbindung und beim Betrieb mit sich, sichert aber, dass die Augen der Urlauber und Urlauberinnen auch weiterhin einen ungetrübten Blick auf den Horizont genießen können.

Auch wenn ich persönlich sagen würde, dass das ein oder andere Windrad am Horizont auch eine eigene Ästhetik haben kann. Unsere nördlichen Nachbarn in Dänemark haben da beispielsweise eine ganz andere Herangehensweise. Der Offshore-Windpark Middelgrunden steht nur 4 km von der Küste in Kopenhagen entfernt. Man könnte sagen direkt vor der Nase der Bürgerinnen und Bürger. Frühe Beschwerden dagegen wurden jedoch abgelehnt. Das Argument lautete: die Energiewende soll für jeden sichtbar sein.

Werfen wir zuletzt einen Blick in die nahe Zukunft: Wo hoffst du, steht die Branche 2030?

Leonard Krampe: In Anbetracht der langen Planungs- und Bauphasen der Windparks und ihrer Netzanbindungen braucht es für eine Umsteuerung im Offshore-Bereich immer erhebliche Vorlaufzeiten. Ich denke für Deutschland wäre es ein Erfolg, wenn die nun angestrebten 20 Gigawatt tatsächlich errichtet wären und der Strom an Land ankommt.

Ich würde mich außerdem freuen, wenn im Jahr 2030 die europäischen Lösungen auf dem Tisch liegen, die für die gemeinsame Erschließung der Ressource Wind im Nord- und Ostseeraum erforderlich sind. Auch der Atlantik bietet hier viele ungenutzte Ressourcen. Die dafür notwendigen schwimmenden Offshore-Windenergieanlagen werden 2030 ganz bestimmt zur Verfügung stehen.

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