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Wandel durch Handel? Aber bitte mit Wumms!

Kategorie

Expertise

Datum

14. Oktober 2022

„Deutschland muss handeln – aber selbstbewusster!“
Christian Böllhoff, Geschäftsführender Gesellschafter Prognos

Die Kommunistische Partei in China trifft sich zum 20. Mal, wenig später – Anfang November – reist Bundeskanzler Olaf Scholz zu seinem Antrittsbesuch nach Peking. Was für passende Gelegenheiten, um die deutsche Außenhandelspolitik aufzurütteln. Ein Appell von Christian Böllhoff.

Nicht einander anzusehen, sondern in die gleiche Richtung zu blicken, beschreibt Antoine de Saint-Exupéry das Geheimnis einer guten Beziehung. Was macht ein gutes Miteinander aus? Man möchte sich sicher fühlen, die gleichen Werte leben, eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Dabei gibt es immer auch Risiken: falsche Versprechungen, unterschiedliche Motive, Betrug, Trennung. Deutschland erlebt aktuell eine solche Beziehungskrise. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat das außen- und sicherheitspolitische Beziehungsgeflecht in Europa und global schlagartig verschlechtert und der zunehmende Konflikt zwischen USA und China sorgt für zusätzlichen Druck. Denn das unterscheidet eine persönliche Beziehung nicht zu sehr von einer Handelsbeziehung: Setzt man auf den falschen Partner, sitzt man am Ende allein da – oder wie wir demnächst im Kalten. Augen auf bei der Partnerwahl.

Sollten wir also unsere Beziehungsfähigkeit grundsätzlich in Frage stellen? Hat das Geschäftsmodell Deutschland in einer regelbasierten und globalisierten Welt mit weitgehend offenen Märkten noch eine Chance? Ich sage: Ja! Gerade jetzt muss sich Deutschland auf die eigenen Stärken besinnen und Handelsbeziehungen selbstbewusst gestalten. Es gilt, klug zu differenzieren, Risiken, aber auch Chancen zu sehen. Aus meiner Sicht ist es insbesondere in Bezug auf China geboten, nicht nur die eigenen Schwächen und Risiken zu benennen. Bei der intensiven Vernetzung beider Volkswirtschaften ist deutlich, dass beide Handelspartner viel verlieren, aber auch gewinnen können.

Die Globalisierung hat sich bereits im vergangenen Jahrzehnt deutlich verlangsamt.

Durch den Ukraine-Krieg und die Rivalität zwischen USA und China drohen die internationalen Wertschöpfungsketten nun zusammenzubrechen. Das betrifft alle wesentlichen Akteure: die USA, EU und insbesondere Deutschland und China. Wird die zukünftige Geopolitik also nur noch durch sicherheitspolitische Aspekte geprägt oder gibt es auch noch Raum für handelspolitische Argumente?
Klar ist, dass zukünftig Sicherheits- und Handelspolitik stärker verknüpft werden müssen. Dabei sollten sich aus zwei Gründen Koexistenz und Wettbewerb sowie Kooperation und Handel nicht ausschließen.

Erstens: eine Handelspartnerschaft mit China auf Augenhöhe

Der Fokus deutscher und europäischer Politik muss auf den eigenen, gerade auch ökonomischen, Interessen liegen. Als erste Säule einer zukünftigen Außenhandelspolitik gilt deshalb, diese selbstbewusst gegenüber China zu vertreten. Aufgrund der Größe und des Potentials des heimischen Marktes sollten Deutschland und die EU bei Verhandlungen stärker als bisher Regeln und Bedingungen durchsetzen, die unseren Werten und Zielvorstellungen entsprechen. Wenn es sein muss, mittels Einschränkungen, wie z. B. High Tech Containment.

Dass es nach der stürmischen Wachstumsphase in den 90ern und den Nullerjahren nach Ende des kalten Kriegs und dem Wiederaufstieg Chinas nicht ungebremst weitergehen würde, war bereits klar. Der Schwerpunkt auf Investitionsgüter und technologisch hochwertigen Produkten, wie z. B. Fahrzeugen war ein Erfolgsrezept. China wiederum hat sich in diesem Zeitraum von der Werkbank für Konsumgüter zu einem technologisch ebenbürtigen Lieferanten entwickelt. Ein Maßstab dieses Erfolgs ist der Offenheitsgrad. Für Deutschland beträgt er 88 Prozent, ein sehr hoher Wert für eine große Volkswirtschaft. Für China mit einer großen Binnenwirtschaft immerhin 36 Prozent. 2021 lag der Anteil deutscher Exporte nach China bei 8,4 Prozent. Der Anteil der Exporte von China in die EU sogar bei rund 20 Prozent. Beide Seiten haben viel zu verlieren.

Dabei hat sich der Fokus deutsch-chinesischer Wirtschaftsbeziehungen kontinuierlich weiterentwickelt: von preiswerter Produktion in China über Exporte hin zu Direktinvestitionen. Doch die USA wird den Druck auf deutsche Unternehmen wegen der Geschäfte mit China erhöhen. Möglicherweise werden für einzelne Branchen und High-Tech-Produkte Sanktionen erlassen. Dies kann zu chinesischen Gegenreaktionen führen, die auch essenzielle Rohstoffquellen einschließen könnten. Zudem sind bedeutende Marktrisiken in China (z. B. Null-Covid, Immobilienkrise) zu erkennen. Das bringt sinkendes Wachstum unterhalb des Potentialwachstums von ca. sechs Prozent mit sich (2022/23: drei bis fünf Prozent).

Zweitens: globale Diversifikation, Direktinvestitionen und Stärkung des Binnenmarktes

Das Problem: Deutschland hat seine ökonomischen Beziehungen schlecht ausbalanciert. So hat sich China sowohl zu einem sehr lukrativen Absatzmarkt für deutsche Unternehmen als auch zu einer Bezugsquelle für kritische Rohstoffe von überragender Bedeutung entwickelt – Stichwort Klumpenrisiko. Zudem konnte Deutschland sein industrielles Produktportfolio weltweit vermarkten, da Russland preiswerte Energie lieferte und Europa sich in der NATO sicherheitspolitisch auf die USA stützen konnte. Nun steht dieses wenig diversifizierte System unter Druck.

Verschärft wird diese grundsätzliche Systemrivalität durch zahlreiche Konflikte mit der Menschenrechtspolitik und durch eine potenzielle Auseinandersetzung zu Taiwan. Andererseits: Als zweite Säule bedarf es deshalb einer besseren Diversifikation von Chancen und Risiken. Schwerpunkte hierfür sind: bilaterale Handelsabkommen, Direktinvestitionen in Märkten der zweiten Reihe, neue Rohstoffstrategie, Nearshoring und Optimierung im EU-Binnenmarkt, gerade für (digitale) Dienstleistungen. Denn aufgrund der stärkeren Eigenständigkeit der großen Weltregionen Nordamerika, Asien und Europa wird Lokalisation an Bedeutung gewinnen. Dabei ist wichtig: Europa bleibt mit ca. zwei Dritteln der mit Abstand bedeutendste Auslandsmarkt für die deutsche Wirtschaft.Wandel durch Handel ist in der Vergangenheit zu naiv interpretiert worden.

Die geopolitischen Konfliktlinien zeichnen sich bereits in einem verschärften Klima ab, welche die bisherigen Kooperationsstrategien in Frage stellen. Gleichzeitig kommen wir mit einer vorwiegend auf Konfrontation angelegten Strategie nicht weiter. Wollen wir große Ziele erreichen, allen voran eine globale Klimakatastrophe verhindern, können wir das nur gemeinsam schaffen – mit einer 3K-Strategie: Koexistenz, Kooperation und Kommerz. Das deutsche Geschäftsmodell muss in Richtung der beiden Säulen weiterentwickelt werden, kann dann – auch in globaler Dimension – ein Erfolgsmodell werden.

Impuls von Christian Böllhoff auf LInkedIn

Stand 14.10.2022

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Christian Böllhoff

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