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Aktualisierte Einschätzung der Prognos-Expertinnen und Experten

Status der Gasversorgung

Kategorie

Aus dem Projekt

Datum

21. Juli 2022

Prognos wurde im April 2022 von der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.
– beauftragt, die Folgen einer Lieferunterbrechung russischer Gasimporte für die deutsche Wirtschaft zu untersuchen. Die Untersuchungsergebnisse  wurden im Juni 2022 veröffentlicht.

Inzwischen liegen neue Daten vor, die wir mit den bisherigen Ergebnissen abgeglichen haben. Was hat sich geändert? Wie steht es um die Verfügbarkeit von Gas? Wie groß ist die Gasnachfrage? Wie gut/schlecht sind die deutschen Gasreserven gefüllt? Wäre der Schaden für die deutsche Wirtschaft noch genau so groß wie im Juni beziffert?

Verfügbarkeit von Gas

Die Gaslieferungen aus Russland bewegten sich etwa auf dem erwarteten Niveau, seit Juni mit deutlich sinkender Tendenz.

Seit 11.7.2022 war der Gasfluss über Nord Stream 1 und über Waidhaus mit der Begründung von Wartungsarbeiten an der Pipeline komplett eingestellt. Inwieweit Russland nach dem 21.7.2022 liefert, ist noch ungewiss. Am 20.7.2022 deutete es darauf hin, dass die Lieferungen auf niedrigem Niveau fortgesetzt werden.

Die Studie für die vbw ging davon aus, dass die europaweiten LNG-Importe 40 Mrd. m³ über dem Vorjahr liegen. Gelingt es, das Importniveau vom ersten Halbjahr 2022 beizubehalten, könnte diese Größenordnung nicht ganz erreicht werden. Unsere Annahme von zusätzlich 40 Mrd. m³ LNG für Europa ist möglicherweise etwas zu optimistisch.

Für die deutsche Gasversorgung ist entscheidend, wie viel des importierten LNG deutsche Gasversorger oder Trading Hub Europe (THE, als Verpflichteter zur Gaseinspeicherung gemäß Gasspeichergesetz) erwerben können. In unserer Ausgangs-Studie nahmen wir an, dass Deutschland 28 Prozent der LNG-Importe der EU erhält. Nach aktuellen Analysen lag der Anteil Deutschlands an den LNG-Importen deutlich höher. Es besteht derzeit kein Anlass anzunehmen, dass dies im 2. Halbjahr 2022 nicht gelingen könnte.

Gasbedarf (Nachfrage)

Nach Angaben der Bundesnetzagentur (BNetzA) haben Verbraucherinnern und Verbraucher in Deutschland von Januar bis Juni 2022 gegenüber dem Gasverbrauch im Vorjahreszeitraum 15 Prozent eingespart.
Das ist etwas mehr als die 12 Prozent Einsparung, von denen Prognos zunächst ausging. Aufgrund weiterer technischer Anpassungen und angesichts weiter steigender Gaspreise könnte die Einsparung in der zweiten Jahreshälfte über 15 Prozent liegen.

Speicherbefüllung

Die Speicherbefüllung in Deutschland ist seit der Datenerhebung für die Ausgangsstudie gut vorangekommen. Die Speicher wurden etwas schneller gefüllt als von uns angenommen.

Allerdings kann derzeit aufgrund der Lieferunterbrechung deutlich weniger eingespeichert werden. Dies zeigt, dass die verfügbaren Gasflüsse im Prinzip ausreichen, um die Versorgung zu sichern, aber nicht, um auch gleichzeitig die Speicher zu füllen.

Grafik: Status der Gasversorgung, Mitte Juli 2022

Fazit

Aus heutiger Sicht betrachtet, waren die Annahmen unserer Studie für das 2. Quartal 2022 überwiegend zutreffend. Insbesondere der höhere Anteil Deutschlands an den LNG-Importen und die etwas größeren Einsparungen der Verbrauchrinnen und Verbraucher dürften allerdings dazu geführt haben, dass mehr Gas nach Deutschland importiert werden konnte. Der Ausblick für die zweite Jahreshälfte könnte folglich in Summe etwas günstiger als von uns zunächst angenommen sein.

Für die Einschätzung zu den wirtschaftlichen Folgen einer möglichen Unterbrechung der Gaslieferungen aus Russland bedeutet dies, dass der errechnete Verlust an Wertschöpfung in Höhe von 12,7 Prozent aus heutiger Sicht als oberer Rand zu betrachten ist. Aufgrund der neu vorliegenden Daten hat sich die Gasbilanz jedoch nicht substanziell verbessert. Deshalb bleibt es bei der Aussage: Ein Lieferstopp von Gas aus Russland hätte einen tiefen Einbruch der Wirtschaftsleistung zur Folge. In grober Schätzung würden wir nach wie vor von einem zweistelligen Prozentwert ausgehen.

Links zu weiterführenden Inhalten

Kein Gas aus Russland – Folgen für die Industrie, vbw

Sicherheit der Gasversorgung in Deutschland und Europa, Agora

 

Projektteam: Jens Hobohm, Sebastian Lübbers, Dr. Michael Böhmer  

Stand: 21.7.2022

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