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Lebenssituation von
Menschen mit
Beeinträchtigungen in NRW

Auftraggeber

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen

Jahr

2025

Partner

Prof. Dr. Markus Schäfers (PROINTENT)


Wenige soziale Kontakte, niedriger Bildungsabschluss oder geringe Selbstbestimmung: Menschen mit Beeinträchtigungen stoßen in vielen Lebensbereichen auf Barrieren, die ihre Teilhabe behindern. Das zeigt der zweite Bericht zur Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen in Nordrhein-Westfalen (Teilhabebericht), den wir in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Markus Schäfers von PROINTENT im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen (MAGS NRW) erstellt haben. 

Mit dem Teilhabebericht kommt die Landesregierung ihrer Pflicht nach, regelmäßig über den Stand der Inklusion und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in NRW zu berichten. Ziel des Berichts ist es, die Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen auf der Grundlage vorhandener Daten zu beschreiben und damit eine solide Basis für politische und administrative Entscheidungen zur Verbesserung ihrer Teilhabe zu schaffen. 

Fast ein Fünftel der Bevölkerung lebt mit Beeinträchtigungen

  • In NRW leben etwa 3,24 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen (18 Prozent der Bevölkerung).
  • Über 52 Prozent der Menschen mit Beeinträchtigungen sind älter als 65 Jahre.
  • 2021 hatten 52 Prozent der Personen mit Schwerbehindertenausweis eine körperliche Behinderung als schwerste Beeinträchtigung.
  • Ende 2022 erhielten rund 220.000 Personen in NRW Eingliederungshilfe nach SGB IX, fast 28.000 davon waren Kinder und Jugendliche mit seelischen Beeinträchtigungen.

So geht es Menschen mit Beeinträchtigungen

Die Ergebnisse des Berichts stellen die Situation für Menschen mit Beeinträchtigungen für diverse Lebensbereiche dar:

  • Familie und soziales Netz: Menschen mit Beeinträchtigungen leben häufiger allein und seltener als Paar mit Kind als Menschen ohne Beeinträchtigungen. Fast alle haben zwar enge Freundschaften und vertrauensvolle Gesprächspartner. Dennoch steigt das Risiko sozialer Isolation, insbesondere bei schwereren Beeinträchtigungen. Die Corona-Pandemie führte zu einem Rückgang sozialer Kontakte und stellte vor allem Menschen mit Sinnes- oder intellektuellen Beeinträchtigungen vor große Herausforderungen.
  • (Aus-)Bildung: Immer mehr Kinder im Kleinkindalter erhalten sonderpädagogische Unterstützung. Auch an Schulen steigt die Anzahl der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die Inklusionsquote hat zugenommen. Dennoch erreichen viele Menschen mit Beeinträchtigungen keinen anerkannten Schulabschluss. Studierende mit Beeinträchtigungen sind häufig unzufrieden mit ihren Studienbedingungen. Die Umstellung auf digitalen Unterricht während der Corona-Pandemie stellte für viele eine zusätzliche Hürde dar.
  • Arbeit und materielle Lebenssituation: 2021 waren 53 Prozent der Menschen mit Beeinträchtigungen zwischen 18 und 64 Jahren erwerbstätig. Das liegt etwa 20 Prozent unter dem Anteil von Menschen ohne Beeinträchtigungen. Menschen mit Schwerbehinderung haben im Durchschnitt längere Arbeitslosenzeiten. Viele arbeiten in Teilzeit oder in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Während der Pandemie litten sie unter den Einschränkungen im Arbeitsleben, da soziale Kontakte und Tagesstrukturen wegfielen.
  • Wohnen, öffentlicher Raum, Mobilität und Digitalisierung: Nur 14 Prozent der Wohnungen in NRW sind barrierefrei. Insbesondere Menschen mit stärkeren Beeinträchtigungen bemängeln fehlende stufenlose Zugänge und angepasste Badezimmer. Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen auch im öffentlichen Raum vielen Barrieren. Trotz eines weitgehend barrierefreien ÖPNV können 20 Prozent der schwer beeinträchtigten Menschen den öffentlichen Transport nicht nutzen. Zudem verwenden Menschen mit Beeinträchtigungen digitale Technologien seltener als Menschen ohne Beeinträchtigungen.
  • Menschen in Einrichtungen: In Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen leben viele Personen mit höheren Beeinträchtigungsgraden. Diese Menschen leben seltener in Beziehungen als in Privathaushalten. Die Zufriedenheit mit den Wohnbedingungen ist hoch, jedoch gibt es Handlungsbedarf hinsichtlich der Selbstbestimmung.
  • Gesundheit: Menschen mit Beeinträchtigungen geben an, ihre Gesundheit als weniger zufriedenstellend zu empfinden als Menschen ohne Beeinträchtigungen. Sie nehmen Gesundheitsleistungen häufiger in Anspruch, haben aber oft Schwierigkeiten beim Zugang. Während der Pandemie gab es stellenweise Engpässe im Gesundheitswesen, die den Zugang zu notwendigen Informationen und Leistungen erschwerten.
  • Selbstbestimmung und Schutz der Person: Viele Menschen mit starker Beeinträchtigung fühlen sich fremdbestimmt. Bei den Leistungen zur sozialen Teilhabe zeigt sich ein Anstieg der Inanspruchnahme, doch das persönliche Budget nach § 29 SGB IX wird nach wie vor nicht häufig genutzt. Die Corona-Pandemie führte zu weiteren Einschränkungen in ihrem Bewegungsradius und ihren sozialen Kontakten.
  • Freizeit, Kultur und Sport: Freizeitaktivitäten im eigenen Zuhause sind bei Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen ähnlich verbreitet. Dennoch nehmen stark beeinträchtigte Personen seltener an sozialen Aktivitäten außerhalb ihrer Wohnung teil.
  • Politische und zivilgesellschaftliche Partizipation: Menschen mit Beeinträchtigungen nehmen seltener an Wahlen teil. Sie zeigen weniger Vertrauen in staatliche Institutionen als Menschen ohne Beeinträchtigungen. Während der Corona-Pandemie war es schwierig, an politischen Prozessen teilzunehmen, insbesondere in digitalen Formaten.

Diese umfassenden Ergebnisse zeigen nicht nur die Vielfalt der Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen in Nordrhein-Westfalen auf, sondern verdeutlichen auch, wo noch Handlungsbedarf besteht. Sie dienen als wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung von Strategien und Maßnahmen zur Verbesserung der Teilhabesituation und zur Förderung einer inklusiven Gesellschaft.

Empfehlungen für mehr Inklusion

Die Erkenntnisse des Berichts legen nahe, dass:

  • eine gezielte Verbesserung der barrierefreien Infrastruktur nötig ist, um gleichberechtigte Teilhabe zu fördern.
  • soziale Netzwerke und Unterstützungsangebote ausgebaut werden sollten, um Isolation zu verhindern.
  • die Entwicklung inklusiver Bildungsangebote priorisiert und Ressourcen für die Umsetzung bereitgestellt werden müssen.
  • bei der Gesundheitsversorgung insbesondere auf die Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen eingegangen werden muss.

Unsere Vorgehensweise

Prognos hat den Teilhabebericht NRW mit einem interdisziplinären Ansatz erstellt, der auf der Analyse aktueller Datenquellen basiert. Hierzu gehörten amtliche Statistiken, wissenschaftliche Studien und die neu durchgeführte Repräsentativbefragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Diese Methodik ermöglicht eine differenzierte Betrachtung verschiedener Lebenslagen, um evidenzbasierte Empfehlungen zur Verbesserung der Teilhabesituation zu formulieren. 

Ein Novum in der Teilhabeberichterstattung ist die Einarbeitung der Daten aus der Repräsentativbefragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Der zweite Teilhabebericht NRW enthält zudem inhaltliche Erweiterungen in Bezug auf Menschen mit Beeinträchtigungen, die in Einrichtungen leben, sowie hinsichtlich der Auswirkungen der Corona-Pandemie. 

Der Bericht stellt nicht nur einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Inklusionsdiskussion dar, sondern dient auch als Grundlage für zukünftige politische Entscheidungen in NRW.

Links und Downloads

Zum Teilhabebericht (PDF, Webseite MAGS NRW)

Projektteam: Nina Altmann, Jan-Felix Czichon, Dr. Stefanie Ettelt, Patrick Frankenbach, Andreas Heimer, Carsten Maday, Marie Schliesser, Evelyn Stoll, Sara Strätgen

Stand: 28.08.2025

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Ihr Kontakt bei Prognos

Patrick Frankenbach

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Andreas Heimer

Partner, Direktor

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