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Eine wirtschaftliche Bilanz

30 Jahre vereintes Deutschland

Auftraggeber

ZDF Zeit

Jahr

2020

Wie sind Deutschlands Regionen heute wirtschaftlich aufgestellt – im innerdeutschen sowie im europäischen Vergleich? Im Auftrag von ZDFzeit gehen wir dieser Frage nach. Die Studie „30 Jahre vereintes Deutschland – eine wirtschaftliche Bilanz“ analysiert, wie sich die Situation seit 1991 geändert hat und wie sie sich in Zukunft weiter ändern könnte.

Studie herunterladen (PDF)

In der Studie ziehen wir eine Bilanz der wirtschaftlichen Entwicklung des wiedervereinten Deutschlands, beleuchten regionale Ähnlichkeiten und Unterschiede, gemeinsame Erfolge und Herausforderungen und wagen einen Blick in die Zukunft – und über den deutschen Tellerrand hinaus.

Unser Team aus Expertinnen und Experten verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen hat über Monate geforscht, tausende Daten gesichtet, dutzende Statistiken ausgewertet, zusammengeführt und interpretiert. Ein Fazit: Deutschland hat sich in den zurückliegenden 30 Jahren einer außergewöhnlichen Aufgabe gestellt und sich dabei besser geschlagen, als viele wohlmöglich glauben.

30 Jahre vereintes Deutschland: Fünf zentrale Erkenntnisse

Für die wirtschaftliche Bilanz der deutschen Einheit ist nach 30 Jahren vor allem eines wichtig: eine angemessene Einordnung. Das verdeutlichen die fünf zentralen Ergebnisse unserer Studie.

1. Im EU-Vergleich muss sich keine deutsche Region verstecken.

Die fraglos bestehenden und hier detailliert herausgearbeiteten Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland müssen anhand des passenden Maßstabs gemessen werden. Die vermeintlich deutlichen Unterschiede innerhalb Deutschlands – etwa zwischen Bayern und Brandenburg oder zwischen NRW und Sachsen – relativieren sich nämlich im Vergleich mit den europäischen Nachbarregionen. Beim Pro-Kopf-Einkommen nehmen ausnahmslos alle deutschen Regionen gute Positionen ein. Viele Bundesländer liegen deutlich über dem EU-Durchschnitt.

Selbst die deutschen Regionen mit dem geringsten BIP pro Kopf liegen nur knapp unter oder genau im europäischen Schnitt, in etwa auf Augenhöhe mit bekannten Regionen in Spanien oder Frankreich. Sachsen rangiert wie die Bretagne auf dem EU-Durchschnitt, Mecklenburg-Vorpommern liegt knapp vor Barcelona (Region Este), bekannt als eine der prosperierendsten Regionen Spaniens. Regionale Disparitäten in Europa und auch innerhalb Deutschlands sind dabei weder ungewöhnlich noch neu, sondern Ergebnis unterschiedlicher ökonomischer Rahmen- und Standortbedingungen, etwa der Ressourcenverfügbarkeit, der Branchen- und Unternehmensstruktur sowie der geografischen Gegebenheiten.

 

2. Blühende Landschaften gibt es überall, eine vollständige Gleichheit ist unrealistisch.

Die ostdeutschen Bundesländer haben bezogen auf ihre Wirtschaftskraft (BIP pro Kopf) und das Einkommen in den letzten 30 Jahren einen beachtlichen Aufholprozess gezeigt. Dass der Osten im Jahre 2019 auf einem Niveau von knapp 80 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts beim BIP pro Kopf und bei 83 Prozent des gesamtdeutschen Medianeinkommens (kaufkraftbereinigt 87 %) liegt, ist kein Ausdruck eines Scheiterns, sondern durchaus eine Erfolgsgeschichte. 1991 startete der Osten schließlich bei nur 50 Prozent des Bundesschnitts. Und auch im Westen der Republik herrschen nicht flächendeckend „Hamburger oder Münchener Verhältnisse“.

Wichtig ist, dass sich die Menschen in ihren Regionen wohlfühlen und es sich dort „zu leben und zu arbeiten lohnt“. Und diesbezüglich gibt es erhebliche Fortschritte, auch wenn sich dieser Angleichungsprozess zuletzt verlangsamt hat. Die ursprünglich hohe strukturelle Arbeitslosigkeit konnte in Ostdeutschland in 30 Jahren halbiert werden, Beschäftigung wurde in vielen Regionen aufgebaut und die Arbeitsplatzdichte nahm zu.

 

3. Berlin und Leipzig sind Erfolgsgeschichten und stärken das Selbstbewusstsein.

Gute Jobs sind nicht mehr nur dem Westen oder Süddeutschland vorbehalten, sondern ebenso in aufstrebenden ostdeutschen Städten und Regionen entstanden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass vor allem ländliche Regionen von dieser Entwicklung abgekoppelt sind. Und der Osten ist viel stärker ländlich geprägt als der Westen.

Die demografische Entwicklung ist daher im Osten noch ungünstiger als im Westen. Die hohe Abwanderung vor allem junger Menschen nach der Wende ist deutlich an der Bevölkerungsstruktur abzulesen, obwohl die Trendwende längst erreicht ist und seit 2013 wieder mehr Menschen von West nach Ost ziehen als umgekehrt. Städte wie Berlin und Leipzig haben sich als neue „Boom-Städte“ mit hoher Sogwirkung profiliert und gehören mittlerweile zu den dynamischsten Großstädten in Deutschland. Sie werden ergänzt um weitere größere und mittlere Ankerstädte wie Dresden, Potsdam, Jena und Erfurt. Diese bilden jedoch, anders als die starken westdeutschen Ballungsräume, vorerst begrenzte „urbane Inseln“ mit vergleichsweise engerer Verzahnung ins Umland. Für die künftige Entwicklung sind sie von zentraler Bedeutung, denn – auch dies zeigt sich an den Beispielen Berlin und Leipzig – das hohe Wachstum einiger Großstädte in Ostdeutschland stößt etwa mit Blick auf die Wohnungsmärkte bereits wieder an Grenzen, was dazu führt, dass Menschen die gute Anbindung und Infrastruktur im erweiterten Umfeld der dynamischen Großstädte für sich entdecken.

Der im Osten besonders ausgeprägte Stadt-Land-Gegensatz und der große Anteil an ländlichen und strukturschwachen Regionen bleibt eine der zentralen Herausforderungen für die weitere Entwicklung.

 

4. Die Wirtschaft macht den Unterschied. Der Wandel schafft Perspektiven.

Über die Jahrzehnte haben sich im Westdeutschland starke Cluster von Industrie- und Technolo-gieregionen herausgebildet, mit Konzernzentralen und Headquarterfunktionen internationaler Unternehmen. Ergänzend dazu haben mittelständische Weltmarktführer Unternehmensaktivitäten in Umlandkreisen der Ballungsräume sowie in ländlichen Regionen aufgebaut, die erheblich zum Wachstum dieser Regionen beitragen. Ostdeutschland hat diesbezüglich historisch einen strukturellen Rückstand. Die Betriebe im Osten sind kleiner, weniger innovativ und im Schnitt weniger produktionsorientiert. Nicht einmal jedes Zehnte der 500 umsatzstärksten deutschen Unternehmen hat seinen Hauptsitz im Osten (und davon die Hälfte in Berlin).

Chancen für Wachstum eröffnet hier die Digitalisierung: Durch den Aufbau neuer Geschäftsmodelle und Tech-nologiefelder (u. a. in der Elektromobilität, Batterietechnik, Mikroelektronik, Optik) ergeben sich gerade für den Osten Entwicklungsperspektiven. Ostdeutsche Regionen bieten mit ihrer wissenschaftlichen Kompetenz (Technische Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) gezielte Anknüpfungspunkte und im Vergleich zu Westdeutschland hohe wirtschaftliche Gestaltungsspielräume (etwa die Verfügbarkeit von Flächen) sowie Anreize für Gründungen, wie das aktuelle Beispiel der Gigafactory von Tesla in Brandenburg eindrucksvoll beweist. Durch gezielte Unternehmensansiedlungen in strategisch relevanten Zukunftsfeldern sowie erfolgreiche Unternehmensgründungen können ostdeutsche Regionen erhebliche Impulse auslösen und ökonomische Fortschritte erzielen.

 

5. Ohne den Osten wäre der Westen nicht das, was er heute ist – und umgekehrt.

In den 30 Jahren des wiedervereinigten Deutschlands sind Ost und West auf vielfältige Weise zusammengerückt. Dabei ist das Zusammenwachsen keine Einbahnstraße, sondern ein gleichberichtigtes Geben und Nehmen. Der Westen hat mit einer starken Wirtschaft und einem stabilen industriellen Kern den Aufbau und die Entwicklung des Ostens über vielfältige Programme, Strukturhilfen und Anreize unterstützt und gefördert. Umgekehrt hat der Osten dem Westen nicht nur viele junge und qualifizierte Menschen gebracht und den Binnenmarkt erheblich vergrößert, sondern auch die Tür nach Osteuropa geöffnet.

Die Frage, ob der Osten oder der Westen in den zurückliegenden 30 Jahren von der Einheit stärker profitiert haben, lässt sich auf Basis der Erkenntnisse der Studie nicht abschließend beurteilen. Viel wichtiger ist ohnehin, wie es gemeinsam weiter geht. Wenn in 10 Jahren erneut Bilanz gezogen wird, sollte die Frage Ost oder West endgültig in den Hintergrund gerückt sein. Denn der eigentliche Unterschied und damit die Herausforderung für die nächsten Jahre liegt nicht in Himmelsrichtungen, sondern vielmehr im Stadt-Land-Gefälle.

Wer hat mehr profitiert? Eine exemplarische Bilanz der Einheit

In den vergangenen 30 Jahren sind Ost und West auf vielfältige Weise zusammengerückt. Das war keine Einbahnstraße, sondern ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen.

Die Frage, ob der Osten oder der Westen von der Einheit stärker profitiert hat, lässt sich auch mit dieser Studie nicht abschließend beantworten. Die Beispiele zeigen jedoch: in vielen Bereichen haben beide profitiert. Eine klassische Win-win-Situation also.

Expemplarische Bilanz herunterladen (PDF)

Aufbau der Studie: 15 Leitfragen

Die Studie „30 Jahre vereintes Deutschland – eine wirtschaftliche Bilanz“ klärt anhand von 15 Leitfragen, was sich innerhalb Deutschlands seit 1991 getan hat und was bis 2030 zu erwarten ist. Ein Vergleich mit anderen EU-Ländern hilft, diese Ergebnisse einzuordnen.

Kapitel 1: 30 Jahre deutsche Einheit

  • Wo kommen wir her?
  • Wo stehen wir heute?
  • Wie geht es weiter?

Kapitel 2: Demografie und Raumstruktur

  • Land vs. Stadt – Wo leben die Deutschen?
  • Infrastruktur – Gut vernetzt?
  • Bevölkerungsentwicklung – Wer wächst, wer schrumpft?
  • Bevölkerungsstruktur – Jung, alt, international?

Kapitel 3: Wirtschaftsstruktur und Beschäftigung

  • Wirtschaftskraft und Einkommen – Was leisten die Deutschen?
  • Beschäftigung – Wie und wo arbeiten die Deutschen?
  • Branchen – Welche Branchen prägen Deutschlands Regionen?
  • Unternehmen und Innovation – Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen?

Kapitel 4: Deutschlands Regionen im EU-Vergleich

  • Wirtschaftskraft – Auf Augenhöhe mit Europa?
  • Bevölkerung – Wie schnell altert Europa?

Kapitel 5: Ausblick – 10 Jahre weiter

  • Wie krisenfest ist Deutschland eigentlich?
  • Welche Regionen werden langfristig wachsen, welche schrumpfen?

Studie herunterladen (PDF)

ZDFzeit-Dokumentation

Die ZDFzeit Dokumentation „30 Jahre Deutsche Einheit: Die große Ost-Bilanz“ greift einige Ergebnisse aus der Studie auf – zwischen Hintergrundwissen und (Lebens-)Geschichten. Der Film wurde am 6.10.2020 um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Hier können Sie sich den Film anschauen:

Zur ZDFzeit Doku in der ZDF-Mediathek (externer Link)

heute.de hat zudem einige der Studien-Ergebnisse als interaktive "Scroll-Story" aufbereitet:

Zur Scroll-Story (externer Link)

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