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Antragsrückgang bei Leistungen zur medizinischen Rehabilitation

Auftraggeber

Deutsche Rentenversicherung Bund

Jahr

2019


Seit 2010 stagnieren die Anträge auf eine medizinische Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung. Unterschied Ost – West: Männer im Westen nehmen mehr Reha-Leistungen in Anspruch als im Osten. So ein Ergebnis unserer Studie für die Deutsche Rentenversicherung Bund.

Zwischen 2005 und 2010 nahmen die Anträge auf medizinische Rehabilitation kontinuierlich zu, seit 2010 stagnieren sie aber. Der Grund ist, dass seit 2010 immer weniger Versicherte einen Antrag auf eine Reha-Maßnahme stellen. Dies zeigt sich deutlich am Rückgang der altersstandardisierten Antragsrate, die um demografische Einflüsse bereinigt ist.

Ziel der Studie „Analyse des Antragsrückgangs bei Leistungen zur medizinischen Rehabilitation“, die Prognos im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung Bund erstellte, war es, Gründe für den Antragsrückgang sowie für die Nichtinanspruchnahme von medizinischer Rehabilitation zu identifizieren.

Mögliche Ursachen

Die epidemiologische Analyse ergab, dass sich der Rückgang teilweise durch die Morbidität erklären lässt, also die Häufigkeit von Erkrankungsfällen in der Bevölkerung. Bei den Krankenhausdiagnosen zeigen sich nämlich ähnliche Trends wie bei der Reha-Inanspruchnahme, beispielsweise eine Trendumkehr nach 2010 und ein Rückgang bei einzelnen Diagnosen. Ein zentrales Ergebnis ist auch, dass sich für die Reha-Inanspruchnahme ähnliche Trends nach Maßnahmearten, Regionen und Geschlecht zeigen. Dies legt nahe, dass der Antragsrückgang auf Faktoren zurückzuführen ist, welche das gesamte Spektrum der medizinischen Rehabilitation betreffen. Eine mögliche Ursache könnte beispielsweise die Ausschöpfung des Reha-Budgets in den Jahren 2009 bis 2012 sein. Aber auch die positive Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung könnte dazu beigetragen haben, dass seit 2010 immer weniger Versicherte eine Reha-Maßnahme beantragt haben.

Die Ergebnisse der epidemiologischen Analyse zeigen auch große regionale Unterschiede. Neben medizinischen Ursachen zeigte sich, dass es einen Zusammenhang zwischen der Reha-Inanspruchnahme und der regionalen Sozial- und Wirtschaftsstruktur gibt. Zum Beispiel werden in wirtschaftlich stärkeren Regionen mehr Leistungen der medizinischen Rehabilitation in Anspruch genommen. Unterschiede bestehen auch zwischen Ost und West. So nehmen vor allem Männer im Westen mehr Reha-Leistungen in Anspruch als im Osten.

Barrieren bei der Antragstellung

In einem zweiten Schritt wurden unterschiedliche Zielgruppen zur medizinischen Rehabilitation und zu möglichen Barrieren standardisiert befragt. Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, dass der beobachtete Rückgang in der Inanspruchnahme medizinischer Rehabilitationsleistungen weniger mit deren Bild bei Versicherten oder Expertinnen und Experten als vielmehr mit unklaren und teilweise nicht mehr zeitgemäßen Rahmenbedingungen sowie spezifischen Vorstellungen hinsichtlich der Erfolgsaussicht im Antragsverfahren assoziiert sein könnte. Eine zentrale Hürde auf dem Weg in die medizinische Rehabilitation ist der hohe bürokratische Aufwand bei der Antragstellung. Zudem wird die Ablehnungsquote bei Anträgen auf medizinische Rehabilitation sowohl seitens der befragten Ärztinnen und Ärzte wie auch der Versicherten als hoch empfunden. Die befragten Ärztinnen und Ärzte wie auch die Versicherten beklagen intransparente Bewilligungs- und Ablehnungskriterien. „Bei den Befragten entsteht der Eindruck, dass Anträge nicht ausschließlich nach dem Bedarf, sondern auch abhängig von einem gedeckelten Budget bewilligt werden“, erläutert Projektmitarbeiter Sören Mohr von Prognos.

Ärztinnen und Ärzte sowie Betriebsräte fühlen sich zudem unzureichend über die Rehabilitationsmöglichkeiten der Deutschen Rentenversicherung informiert. Insbesondere besteht Bedarf an zielgruppenspezifischem Informationsmaterial für Betriebe/Unternehmen sowie vergleichenden Bewertungen der Rehabilitationseinrichtungen für Ärztinnen und Ärzte und Informationen, welche Kliniken für bestimmte Indikationen geeignet sind.

Forschungsdesign

Zunächst wurden auf der Grundlage von Fachgesprächen und einer Literaturanalyse der Analyserahmen für die Untersuchung abgegrenzt und Hypothesen formuliert. Diese Hypothesen wurden im Rahmen des Forschungsgutachtens anhand von zwei empirischen Zugängen überprüft.

In einem ersten Schritt wurden im Rahmen einer epidemiologischen Analyse die zentralen Trends und Unterschiede bei der Inanspruchnahme von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation nach Maßnahmearten, Geschlecht und Regionen herausgearbeitet.

In einem zweiten Schritt wurden die Hypothesen anhand von standardisierten Befragungen qualitativ untersucht. Zum einen wurden die zentralen Zielgruppen, die im Antragsprozess eine Rolle spielen (Haus- und Betriebsärzte und -ärztinnen, Beratungsstellen und Beschäftigtenvertretungen), befragt, zum anderen die Versicherten der Deutschen Rentenversicherung selbst.

Direkt zur „Analyse des Antragsrückgangs bei Leistungen zur medizinischen Rehabilitation“ (PDF, www.deutsche-rentenversicherung.de)

Autorinnen & Autoren

Dr. Stefan Moog, Sören Mohr, Johann Weiß, Tilmann Knittel, Dr. Ronny Klein, Carsten Maday

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Dr. Stefan Moog

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