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Perspektive 2040: Fakten zur Rentendebatte

Untersucht wurden ausgewählte Szenarien zum künftigen Umgang mit Lebenserwartung, Lebensarbeitszeit und Renteneintritt im Hinblick auf die Stabilität der Altersvorsorge bis zum Jahr 2040. Die Untersuchung zeigt, welchen Einfluss die Wahl des Renteneintrittsalters aus individueller Perspektive für die Renten der Versicherten hat, welche Wirkungen sich auf dem Arbeitsmarkt ergeben, wie die Finanzierungssituation der Rentenversicherung langfristig beeinflusst wird und welche Konsequenzen dies für den Staatshaushalt hat. 

Warum blickt die Studie bis ins Jahr 2040?

Altersvorsorge braucht Zeit. Wenn sich der Durchschnittsdeutsche im Alter von derzeit etwa 44 Jahren über seine Rente Gedanken macht, sollte er zumindest das Jahr 2040 in den Blick nehmen. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird er kaum wesentlich früher in den Ruhestand treten. Und auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung greift ein kürzerer Betrachtungshorizont zu kurz: Die sogenannten Babyboomer gehen erst im Zeitraum 2025 bis 2035 nach und nach in den Ruhestand, mit deutlichen Auswirkungen für das Rentensystem.

Welche Szenarien zur Rente wurden untersucht?

Um die genannten Perspektiven bis zum Jahr 2040 greifbar zu machen illustriert die Studie die Auswirkungen ausgehend von der Referenzentwicklung des gesetzlichen Status quo anhand von vier Szenarien:

  • Referenz-Szenario: In diesem Szenario, das als Vergleichsgröße für alle übrigen Szenarien dient, wird angenommen, dass das durchschnittliche tatsächliche Ren-teneintrittsalter im Takt mit der Anhebung der gesetzlichen Regelaltersgrenze wei-ter zunimmt und von heute 64,2 auf 65 Jahre ansteigt. Das tatsächliche Renteneintrittsalter liegt also weiterhin um zwei Jahre unter der gesetzlichen Regelalters-grenze von 67 Jahren.
  • Szenario 1 „Früher in Rente“: Dieses Szenario betrachtet die ökonomischen Aus-wirkungen für den Arbeitsmarkt, die individuelle und die allgemeine, rentensystematische Perspektive für den Fall, dass – gemessen am aktuellen Stand von ca. 64 Jahren – keine weitere Anhebung des durchschnittlichen Renteneintrittsalters erfolgt. Dieses Szenario unterstellt gewissermaßen, dass die „Rente mit 63“ den positiven Trend der „Rente mit 67“ bricht. 
  • Szenario 2 „Arbeiten bis 67“: Hier werden die jeweiligen Ergebnisgrößen für eine Situation berechnet, in der das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren von den Versicherten bis zum Jahr 2029 tatsächlich erreicht wird. 
  • Szenario 3 „Lebensarbeitszeit plus“: In dieser Variante wird die Regelaltersgrenze nach dem Jahr 2029 systematisch an die steigende Lebenserwartung gekoppelt. Das Szenario setzt auf dem Rentenzugangsverhalten „Arbeiten bis 67“ auf und verschiebt die Renteneintritte mit der weiter steigenden Lebenserwartung sukzessive in höhere Lebensalter.

Lebenserwartung, Lebensarbeitszeit und Renteneintritt – die wichtigsten Ergebnisse

Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit im Sinne einer Verschiebung des tatsächlichen Renteneintrittsalters bringt aus allen Perspektiven betrachtet spürbare Vorteile. Das Szenario „Arbeiten bis 67“ verdeutlicht dies:

  • Der Arbeitsmarkt profitiert dauerhaft von einer höheren Zahl an Erwerbstätigen. Gesamtwirtschaftlich ergibt sich ein positiver Wachstumseffekt.
  • Die Finanzierungsbasis des Umlageverfahrens der gesetzlichen Rentenversicherung wird gestärkt.
  • Der Bundeshaushalt wird durch geringere Bundeszuschüsse an die Rentenkassen entlastet.
  • Die Versicherten erwerben mehr Rentenansprüche und erzielen entsprechend höhere Renten.


Im Vergleich zur Referenzentwicklung steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oder allgemein gesprochen der Erwerbstätigen um bis zu 950.000 Personen (im Jahr 2030) an.
Arbeiten die Menschen tatsächlich bis zum Alter von 67 Jahren, dann leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Stabilisierung des Fachkräfte potenzials. Wenngleich der Zugewinn an Arbeitskräften die Lohnentwicklung der Beschäftigten leicht dämpft, verbessert sich das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft. Über den Zeithorizont 2015 bis 2040 erhöht sich das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts je Einwohner um etwa 0,1 Prozentpunkte pro Jahr.

Im Umlageverfahren gelingt mittelfristig eine bessere Balance zwischen Beitragszahlern  und Leistungsempfängern. Die Beitragszahler werden im Zuge der Verlängerung ihrer Erwerbsphase durch geringere Beitragssatzanstiege entlastet. Dies gilt insbesondere für die „heiße Phase“ der demografischen Entwicklung zwischen 2025 und 2035. Im Jahr 2030 ergibt sich eine Beitragssatzreduktion um 0,9 Prozentpunkte. Der Beitragssatz steigt im Basisszenario bis zum Jahr 2040 auf 23,7 Prozent, bei einer Verlängerung der Erwerbsphase reicht bereits ein Beitragssatz von 23,4 Prozent zum Budgetausgleich.
 
Künftige Rentnergenerationen profitieren zudem von höheren Leistungen der gesetzlichen
Rentenversicherung. Und zwar sowohl individuell, im Sinne höherer Renten, als auch kollektiv, im Sinne eines höheren Rentenniveaus. Langfristig führen die höheren Rentenansprüche zu steigenden Renten und höheren Ausgaben. Gleichzeitig bewirkt das dauerhaft günstigere Verhältnis von Erwerbsphase zu Rentenbezugsdauer eine nachhaltige Verbesserung des Nettorentenniveaus vor Steuern. Unter dem Strich schafft die Verschiebung des tatsächlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre im Maximum eine Verbesserung des Rentenniveaus um 1,1 Prozentpunkte im Jahr 2030.
Die Durchschnittsrente des Jahres 2040 steigt gegenüber der Referenz um gut 200 Euro im Jahr, gemessen in heutigen Preisen.

Da die Lebenserwartung in Zukunft weiter steigen wird, ist über das Jahr 2030 hinaus
eine weitere Anhebung der Regelaltersgrenze systematisch geboten. Diese sollte regelgebunden erfolgen, um einen automatischen Ausgleich zwischen Beitragsphase und Rentenbezugsdauer zu gewährleisten. Vereinfacht lautet die Regel: Die hinzugewonnene Lebenszeit sollte zu zwei Dritteln in Arbeit und zu einem Drittel in Rente verbracht werden.
Die Regelaltersgrenze müsste demnach nach Abschluss der Einführung der Rente mit 67 zwischen 2030 und 2040 um weitere 7 Monate angehoben werden.Die positiven Effekte des Szenarios „Arbeiten bis 67“ können damit in der langen Frist nochmals verstetigt werden. Das Rentensystem würde durch die Regelbindung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung nachhaltig stabilisiert.

Auf der anderen Seite verdeutlicht das Szenario „Früher in Rente“, dass im Umlageverfahren die Kosten des demografischen Wandels über andere Kanäle aufgefangen werden müssen. In diesem Fall reagieren sowohl der Beitragssatz als auch das Rentenniveau negativ. Der Beitragssatz steigt schneller als in der Referenzentwicklung. Spiegelbildlich sinkt das Rentenniveau gegenüber der Referenz schneller ab. Die Versicherten müssen damit perspektivisch höhere monatliche Abzüge auf ihren Lohnzetteln in Kauf nehmen und erhalten dennoch im Ruhestand geringere Leistungen. Der Rentenbeitrag steigt gegenüber dem Status quo im Jahr 2030 um 0,5 Prozentpunkte. Die Jahresdurchschnittsrente fällt um etwa 170 Euro geringer aus.


Im Kern verdeutlicht die Studie, dass es aller Mühen wert ist, die Voraussetzungen für ein längeres Erwerbsleben zu schaffen. Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bietet vielfache Vorteile. Sie stabilisiert die Finanzierung der Rentenversicherung, stärkt Wachstum und Beschäftigung und hilft bei der Altersvorsorge heutiger und künftiger Rentnergenerationen. Das sind Chancen und Potenziale, die andere reformpolitische Stellschrauben so nicht bieten.


Die gewählten Szenarien abstrahieren bewusst von der faktischen rechtlichen und politischen Umsetzbarkeit und damit auch von der sozialpolitischen Bewertung der Frage, ob eine längere Arbeitszeit beispielsweise gesundheitlich möglich ist. Die Szenarien sollen vielmehr das Spektrum der Möglichkeiten aufzeigen und insbesondere die Chancen quantifizieren, die aus den jeweiligen Perspektiven mit einer längeren Lebensarbeitszeit verbunden sind. Hierzu gehört neben der eigenen Rente ein potenzieller Beitrag zur Vermeidung von Altersarmut durch ein insgesamt steigendes Leistungsniveau der Rentenversicherung.

Autor: Dr. Oliver Ehrentraut

Kunde: Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV)

Jahr: 2016

Typ: Studie

Bereich: Wirtschaft & Arbeit

Themenfeld: Soziale Sicherungssysteme